Wo soll ich als Paraplegiker wohnen?

Ich war 22 Jahre alt als ich durch den Sturz von einer Felswand zum Paraplegiker wurde. Zu dieser Zeit wohnte ich noch bei meinen Eltern. Nach dem Unfall musste ich mich fragen: wohin ziehe ich jetzt? Und schaffe ich das alles alleine?

Autor

Stefan Walt ist Beauftragter des Stadtrats für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung. Er ist sehr kulturinteressiert, liebt das Kino und Theater und hat eine Passion für das Gemeinschaftliche Wohnen. Im Moment ist er dabei, seine 250 neuen MitbewohnerInnen in der Genossenschaft Kalkbreite kennenzulernen.

Stefan Walt
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Meine Mutter hätte mich betreut, aber dann wäre ich unselbständig geblieben. Für mich war klar: von anderen abhängig sein wollte ich nicht mehr. Ich hatte das Bedürfnis nach etwas Eigenem. Doch das Wo und Wie stellte ein Problem dar. Viele meiner Freunde waren damals Studenten und wohnten in Wohngemeinschaften. Diese WGs befanden sich häufig in Altbauten, die bekanntlich nicht rollstuhlgängig sind. Obwohl ich nicht alleine wohnen wollte, sah ich mich letztlich gezwungen, eine Wohnung allein zu mieten. Eine andere Möglichkeit bot sich mir zu dieser Zeit nicht. Etwas Passendes zu finden war eine Herausforderung, aber ich hatte Glück: bei einer verfügbaren Wohnung im Mehrfamilienhaus meiner Eltern waren nur kleine Anpassungen notwendig, welche die IV bezahlte.

Ich hatte eine andere Vorstellung vom Wohnen

Ich hatte immer andere Ideen vom Wohnen und war konstant auf der Suche nach Projekten, bei denen ich mich einbringen konnte. Ich lernte Menschen kennen, die planten, als Genossenschaft ein Haus zu realisieren. Die Idee war folgende: zusätzlich zu den Wohnungen sollte im Haus eine Grossküche für alle integriert werden, wo montags bis freitags eine Köchin – für alle die es wünschten – das gemeinsame Abendessen zubereitet. Dieses Projekt tauften wir Genossenschaft Karthago „der städtische Grosshaushalt“. Wir fanden ein Gewerbehaus, das relativ einfach an unsere Vorstellungen angepasst werden konnte. Als das Projekt, auch mit meiner Mithilfe, umgesetzt worden war, zog ich im Grosshaushalt in eine WG ein und war viel glücklicher. Ich fand es immer grossartig, in einer WG zu leben, denn zusammen mit anderen Menschen zu wohnen macht mir Freude. Wenn ich eine Familie hätte, wäre es vielleicht anders, dann wäre eine WG vielleicht nicht das Passende.

Wir trugen die Idee des Gemeinschaftlichen Wohnens weiter

Ich war viele Jahre Präsident der Genossenschaft Karthago, in deren Statuten festgehalten wird, dass die Idee von unserer Art des Wohnens im Grosshaushalt weiter getragen werden soll. Vor acht Jahren schrieb die Stadt Zürich das Kalkbreite-Areal aus. Wir gingen eine Kooperation mit einer anderen Genossenschaft und einem Verein ein, die sich für das Areal interessierten, um eine neue eigenständige Genossenschaft zu gründen. In den letzten acht Jahren arbeitete ich viele Stunden daran mit, den ganzen Komplex zu entwerfen und umzusetzen. Es ist ein grossartiges Gebäude: Es hat ein Kino, verschiedene Läden, eine Krippe und sogar ein Geburtshaus. In der Genossenschaft wohnen 250 Menschen aus verschiedenen Bevölkerungsschichten und über 200 Menschen arbeiten in den verschiedenen Betrieben, auf diesen Mix legten wir viel Wert. Man sieht im Hof Familien mit Kindern, junge und ältere Menschen.

In der Genossenschaft Kalkbreite finde ich alles, was ich brauche

Da das Umfeld so spannend ist entschied ich mich dazu, nach 17 Jahren meine alte Wohnung zu verlassen. In der Genossenschaft Kalkbreite finde ich wirklich alles, was ich als Paraplegiker brauche. In einem Gebäudeteil realisierten wir für 50 Personen die Idee des Grosshaushaltes mit Gemeinschaftsküche. Dort esse ich häufig, denn das Essen ist wirklich gut und für mich selbst mag ich oft nicht aufwendig kochen.

Der ganze Bau ist behindertengerecht. Es ist wundervoll, dass ich in alle Läden und Wohnungen ohne Probleme hineinkomme. So ist die Teilnahme am Gemeinschaftsleben viel einfacher. Jede Wohnung ist grundsätzlich rollstuhlgängig, man muss sie nur noch ein wenig anpassen, im Besonderen in den Nasszellen. In die Dusche kann ich normal hineinfahren, sie sind heute bodeneben. Meine Küche ist unterfahrbar, das heisst, anstelle von Schränken ist die Küchenzeile an einer Stelle unten leer.

Mit Unterstützung des Umfelds kann auch ein Tetraplegiker alleine wohnen

Ich habe das Glück, dass ich sehr selbständig und nicht auf fremde Hilfe angewiesen bin. Als Paraplegiker ist das eigenständige Wohnen grundsätzlich möglich, solange keine andere Einschränkung besteht (z.B durch altersbedinge Beschwerden). Man muss nur die entsprechenden Anpassungen in der Wohnung vornehmen. Ein Tetraplegiker hingegen hat es viel schwerer, da er viel mehr Unterstützung braucht.

Ich kenne einen Tetraplegiker, der sich dazu entschloss, nicht in eine Institution einzutreten, sondern mit Unterstützung alleine zu wohnen. Am Morgen und am Abend gibt ihm die Spitex Hilfestellung. Während des Tages geht er seiner Arbeit nach. Seine Mutter kocht zum Teil mittags für ihn, da dies ihm selber – trotz der heutigen Hilfsmittel – unmöglich ist. Ich finde das sehr bewundernswert. Nicht jeder hat das Selbstvertrauen, ein solches Unterfangen zu wagen. Ein gutes persönliches Umfeld, das einen unterstützt, ist essentiell.

Habt Mut!

Andere Tetraplegiker gehen zu den Eltern zurück (solange sie mit ihnen ein gutes Verhältnis haben), da sie es sich selbst nicht zutrauen, alleine zu Recht zu kommen. Ich würde ihnen gerne Mut machen, es auszuprobieren alleine zu wohnen oder in der Form zusammenzuleben, wie ich es jetzt tue. Nach dem Unfall muss man zuerst einmal herausfinden, was überhaupt möglich ist. Da man die ganze Zeit von Pflegekräften umgeben ist, erhält man das Gefühl, dass man ohne nicht kann, das heisst, dass die Spitex nicht ausreicht. Das Beispiel meines Bekannten zeigt aber, dass man es mit der Unterstützung von Freunden und Familie schaffen kann, das Abenteuer des selbständigen Lebens zu wagen.

Wie lebt ihr heute? Hattet ihr Schwierigkeiten bei der Wohnungssuche? Habt ihr Tipps für andere Betroffene?

 

Kommentare (3)

  • Nicolette van der Stroom am 10. Sep 2015 um 17:42 sagt:

    Lieber Stefan (ich erlaube mir das "du", weil wir beruflich schon begegnet sind) , liebe Blog-Leserinnen

    Vor sieben Jahren erlitt unsere damals 16-jährige Tochter einen Herzstillstand. Sie konnte gerettet werden, leidet nun aber schwer an den Folgen des Sauerstoffmangels und des Hirninfarktes.
    Wir sind bereits lange Zeit auf der Suche nach einer geeigneten Wohnmöglichkeit für unsere Tochter. Heute lebt sie in einem Heim für Menschen mit MS oder mit einer Hirnverletzung. Dort geht es ihr gar nicht gut. Sie ist eine Generation jünger wie die meisten ihrer Mitbewohnerinnen. Sie ist gesund und lebhaft. Ihre Bedürfnisse unterscheiden sie in einem hohem Mass von den anderen Bewohnerinnen des Heims. Allerdings braucht sie aufgrund ihrer Gedächtnis- und Orientierungsstörung, sowie die vom Sauerstoffmangel bedingten Bewegungseinschränkungen viel Unterstützung. Es sollte während 24 Stunden eine Ansprechperson in der Nähe sein.
    Weisst du, bzw. weiss jemand von den BlogerInnen, ob in der letzten Zeit neue Wohnformen entstanden sind, z.B. eine neue WG? Oder gibt es Interessengruppen, an welchen wir uns anschliessen können?

    Die ganze lange Sucherei im Wissen, dass unsere Tochter an dem Ort, wo sie jetzt lebt, nicht glücklich werden kann, ist zermürbend. Es ist nicht nur sie, die leidet, sondern auch wir als Familie stehen hilflos daneben ohne sie beschützen zu können.

    Herzliche Grüsse

    Nicolette

    Auf diesen Kommentar antworten
    • Daniel Stirnimann am 25. Sep 2015 um 11:56 sagt:

      Bitte entschuldigen Sie die späte Antwort. Ja, ihre Situation ist schwierig und verständlicherweise unbefriedigend. Wie alle Eltern wollen Sie das Beste für Ihre Tochter.

      Leider können Institutionen nicht alle Bedürfnisse abdecken und gerade eine altersgemässe und zugleich die behinderungsbedingten Erfordernisse abdeckende Unterbringung ist manchmal nicht möglich. Dazu fehlt oft die entsprechende Breite des Angebots. Uns sind leider keine neuen Wohnformen bekannt, von denen Ihre Tochter profitieren könnte. Wir können Ihnen nicht einmal eine Organisation empfehlen, an die Sie sich wenden können, denn Sie sind wie wir sehen ja selbst bereits im Vorstand der FRAGILE. Wir wünschen Ihnen und Ihrer Tochter, dass Sie schon bald einen besser geeigneten Wohnplatz mit Betreuung finden.

      Freundliche Grüsse
      Daniel Stirnimann

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  • Nicolette van der Stroom am 27. Sep 2015 um 16:14 sagt:

    Lieber Herr Stirnimann
    Was soll ich bloss zu Ihrer Antwort sagen? Sie beschönigen nichts, Sie sagen, was Sache ist.
    Wir stehen unter einem grossen Druck, eine neue Wohnmöglichkeit für unsere Tochter zu finden. Im Moment machen wir noch Witze, dass wir unsere Tochter wohl demnächst unter einer Brücke an der Limmat oder an der Sihl besuchen werden. So weit wird es wohl nicht kommen, aber die Sorgen um eine lebenswerte Wohnform sind erdrückend.
    Dennoch danke ich Ihnen für Ihre ehrliche, pragmatische Antwort.
    Liebe Grüsse
    Nicolette van der Stroom

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