Querschnittlähmung: Mit MRI künftig Therapie-Erfolg messen

Wie schnell verändert sich das Rückenmark nach einer Querschnittlähmung? Und mit welchen Auswirkungen auf das Hirn? Bis anhin konnten wir nur Annahmen treffen.

Autor

PD Dr. Patrick Freund ist Neurowissenschaftler am Zentrum für Paraplegie. Er war u.a. am University College London tätig, der Schmiede für neue MRT-Methoden. Nach seinem Zweitstudium in Medizin begann er im November 2014 seine Facharzt-Ausbildung als Neurologe am Zentrum für Paraplegie. In seiner Freizeit ist der Neurowissenschaftler auf Wanderungen, beim Fischen oder in seinem Garten anzutreffen.

Patrick Freund
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Nun ist es uns, Forschenden des Zentrums für Paraplegie Balgrist und der Universität Zürich gelungen, schneller sichtbar zu machen, wie Rehabilitation oder medikamentöse Behandlung auf Paraplegiker und Tetraplegiker wirken. Dies mittels einer neuen bildgebenden Messung, welche dynamische mikrostrukturelle Veränderungen der Nervenfasern erfassen kann.

Die Rückenmarkschädigung verändert Rückenmark und Gehirn

Unser Hirn lässt sich in unterschiedliche funktionelle Areale einteilen. Diese sind teils individuell, jedoch auch im Verbund, für ganz spezifische Aufgaben zuständig. Die Verletzung des Rückenmarks verändert das Rückenmark sowie das Gehirn. Querschnittgelähmte können nur noch eingeschränkt gehen oder die Hände bewegen. Die Verletzung wirkt sich bei jedem Patienten unterschiedlich aus. Wie schnell sich die degenerativen Veränderungen entwickeln war bis anhin ungewiss.

MRT zeigt rapide Abnahme des Rückenmarks

Wir haben 13 akut querschnittgelähmte Paraplegiker und Tetraplegiker viermal während eines Jahres im Magnetresonanzgerät untersucht. Die Magnetresonanztomographie (MRT oder englisch Magnetic Resonance Imaging MRI) ist ein bildgebendes Verfahren, mit dem wir Schnittbilder des menschlichen Körpers erzeugen. Aufgrund dieser Bilder konnten wir feststellen, dass der Durchmesser des Rückenmarks nach dem Vorfall rapid abnahm und bereits nach zwölf Monaten um sieben Prozent kleiner geworden war.

Die Therapie der Zukunft ist personalisiert

Die Chancen, dass sich das Rückenmark innerhalb des ersten Jahres nach einer Verletzung regeneriert, sind heute leider gering. Meistens bleiben die Patienten für immer gelähmt. Dank der neuen MRT-Messung besteht die Hoffnung, dass die Effektivität einer Behandlung, sei es eine rehabilitative Massnahme oder eine medikamentöse Behandlung, frühzeitig erkannt wird. So könnte die Therapie auf jede Person optimal abgestimmt und optimiert werden.

Studien-Teilnehmer müssen trainieren

Wir sind auf der Suche nach geeigneten jungen Paraplegikern und Tetraplegikern für unsere Studie. Jung deshalb, weil man herausgefunden hat, dass das Hirn junger Menschen eher lernfähig ist. Wer mitmachen will, muss zu Hause ein dreimonatiges intensives Training absolvieren – Paraplegiker mit dem YouKicker, das Spiel für Tetraplegiker ist noch nicht festgelegt. Während dieser Zeit kommen die Probanden fünfmal pro Woche für eine Viertelstunde zu uns ins Zentrum für Paraplegie Balgrist. Wir machen dann jeweils MRT-Aufnahmen, um mögliche Verbesserungen der Gehirnstruktur nachzuweisen. Nach dieser Phase wird eine dreimonatige Pause eingeschoben. Danach wird ein erneuter Scan erstellt, der aufzeigen wird, ob die strukturelle Veränderung langfristig erhalten bleibt.

Möchten Sie auch an dieser Studie teilnehmen? Sind Sie bereits aus der akuten Phase und der Vorfall liegt noch nicht weit zurück? Dann melden Sie sich bei uns.

Literaturhinweis:

Patrick Freund, Nikolaus Weiskopf, John Ashburner, Katharina Wolf, Reto Sutter, Daniel R. Altmann, Karl Friston, Alan Thompson, Armin Curt. MRI investigation of the sensorimotor cortex and corticospinal tract after acute spinal cord injury: a prospective longitudinal study. The Lancet Neurology. July, 2013.

 

Kommentare (6)

  • Kai am 11. Sep 2013 um 20:57 sagt:

    Super! Das finde ich sehr gut das in dieser Richtung was getan wird was die Bildgebung des Rückenmarks angeht! Sind denn auch Studien angedacht in einem chronischem Stadium? Dass denke ist auch äußerst wichtig falls Zelltherapien irgendwann verfügbar sind. Grüße

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  • Freund am 17. Sep 2013 um 22:02 sagt:

    Hallo Kai,

    Vielen Dank für Ihre Begeisterung. Wir habe gerade eine grosse Studie abgeschlossen in der wir heraus zufinden versuchten ob die sensorische Verarbeitung in Teilnehmern mit einer chronischen Querschnittslähmung sich verändert. Die Ergebenisse werden in nächster Zeit publiziert. Auch werden wir in Zukunft weitere Studien durchführen im chronischen Stadium. Aktuell suchen wir Teilnehemer die Interesse haben an einer Trainingsstudie teil zunehmen. Uns interessiert ob mit Hilfe von intensivem Training es zu langfristige strukturelle Veränderung im Gehirn und des Rückenmarkes führt welcher den Trainingserfolg representiert. Wir erhoffen uns so Rehabilitionstrategien gezielt zu optimieren.

    Beste Grüsse,
    Patrick Freund

    Auf diesen Kommentar antworten
  • Kai am 19. Sep 2013 um 12:51 sagt:

    Vielen Dank für die Antwort. Was für Kriterien muss man erfüllen um an ihrer Studie teilzunehmen? Wie lange dauert die Studie? Sind ausschließlich Leute aus der Schweiz für die Studie vorgesehen? Welche Verletzung muss vorliegen?

    Grüße!

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  • Freund am 19. Sep 2013 um 19:09 sagt:

    Die Studie beinhaltet mehrere MRI Scans welche nur an der Uniklinik Balgrist aufgenommen werden können. Alle Teilnehmer welche jünger als 35 sind und eine chronische Verletzung haben (>12 Monate) sind gesucht. Die Studie ist nicht Länderbezogen, aber natürlich wäre es einfacher wenn Sie in der Nähe von Zürich leben würden.

    Freundliche Grüsse
    Patrick Freund

    Auf diesen Kommentar antworten
    • Marcel Nowicki am 24. Nov 2013 um 22:00 sagt:

      Hallo Herr Freund,
      Ich bin 22-Jahre alt und seit Ende März 2012 durch einen Badeunfall Sub C4 inkomplett Querschnittsgelähmt.
      Wäre ich ein möglicher Proband?
      Freundliche Grüße

      Auf diesen Kommentar antworten
      • Freund am 25. Nov 2013 um 15:17 sagt:

        Hallo Herr Nowicki

        Gerne können Sie uns Ihre Unterlagen zukommen (pfreund@paralab.balgrist.ch) lassen und wir werden uns dann mit Ihnen in Verbindung setzen.

        Freundliche Grüsse

        Patrick Freund

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