Rückenmarkverletzung – Herausforderungen und Erfolgsbeispiele

Noch ist wenig bekannt zu den unterliegenden Mechanismen neurologischer Genesung bei Rückenmarkverletzung bei Menschen und deren Vergleichbarkeit mit präklinischer Forschung an Tieren. Das Stichwort heisst „Translationale Medizin“.

Autor

Prof. Dr. Armin Curt ist Chefarzt und Direktor des Zentrums für Paraplegie Balgrist. Er wurde mit dem Schellenberg Preis für herausragende Forschungsarbeiten auf dem Gebiet der Paraplegiologie ausgezeichnet, wo er sich seit über 20 Jahren als Forscher und Kliniker engagiert. In seiner Freizeit ist der Arzt mit seiner Frau und den beiden Söhnen oft in den Bergen oder im Museum anzutreffen.

Armin Curt
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Sie bildet die Schnittstelle zwischen Forschenden diverser Disziplinen und Ärzten mit Erfahrungen in klinischen Studien. Dieser Austausch gewährleistet den Transfer von präklinischen Ergebnissen in aktuelle klinische Zusammenhänge.

Drei Forschungsprojekte veranschaulichen den Erfolg solcher Transfers:

  • Projekt 1: Die Inhibitoren im zentralen Nervensystem loswerden
  • Projekt 2: Rehabilitationsergebnisse und Motivation optimieren
  • Projekt 3: Was Hinken über das Nervensystem verrät

Diese Erfolgsbeispiele können in der neusten Ausgabe des Magazins „European Science and Technology – Issue 15“ (Seite 182/183) nachgelesen werden (nur in englischer Sprache verfügbar).

Die Forschung zur Rückenmarkverletzung markiert damit den Beginn eines erfolgreichen Transfers von präklinischen Ergebnissen zu klinischen Untersuchen. Auch wenn eine Rückenmarkverletzung eine eher seltene Erkrankung darstellt, ist deren Erforschung von grosser Bedeutung für diverse andere Disziplinen und erhofft sich daher einen Schub für die „Translationale Medizin“.

Wir im Zentrum für Paraplegie bleiben dran.

 

Kommentare (10)

  • Kai Bachmann am 21. Aug 2012 um 11:15 sagt:

    Sehr geehrter Herr Prof. Curt,
    Ich habe folgende Fragen an sie :
    Warum sagt man das HWS oder LWS geschädigtes Rückenmark tendenziell bessere Erholungschancen hat als das Brustmark?
    Zerstört sich das Rückenmark nach der sekundären Schädigung noch weiter?
    Wenn Metallartefakte bereits implantiert wurden,gibt es eine andere Möglichkeit als das MRT zur Darstellung des Rückenmarks?
    Heißt kompletter Querschnitt komplette Durchtrennung des Rückenmarks?
    Sind bereits Ergebnisse zur Stammzellentherpie veröffentlicht?
    Ist die Neuroplastizität bei chronisch gelähmten Pat. herabgesetzt?

    Auf diesen Kommentar antworten
    • Armin Curt am 23. Aug 2012 um 19:05 sagt:

      Lieber Herr Bachmann

      Das sind ganz ausgezeichnete Fragen. Tatsächlich hat eine Schädigung im Bereich des Halsmarks oder der Lendenwirbelsäule bessere Erfolgsaussichten im Vergleich zur Brustwirbelsäule.
      Das liegt daran, dass einerseits gerade die Segmente in der Brustwirbelsäule äusserst dünn sind, zudem ist hier die Blutversorgung sehr speziell und anders als in den anderen Regionen. In diesen Brustmarksegmenten laufen vornehmlich die langleitenden Bahnen, wobei die segmentalen Bahnen, die schlussendlich in die einzelnen Muskelgruppen führen, im Bereich des Halsmarks und des Lendenmarks deutlich ausgeprägter sind. Dies ist übrigens auch eine Herausforderung bei klinischen Studien, da Untersuchungen bei Patienten mit einer Verletzung des Brustmarks deutlich weniger gute klinische Verlaufsparameter haben.

      Die sekundären Schädigungen sind vielfach, es kann sich eine posttraumatische Syringomyelie (Zystenbildung) ausbilden, die dann das Rückenmark weiter schädigt. Haben Patienten zudem noch vaskuläre Erkrankungen, also Erkrankungen des Blutgefässsystems, können diese auch zu einer zusätzlichen Minderdurchblutung des Rückenmarks führen, was dann auch wieder erheblich Nachteile mit sich bringt. Andere sekundäre Mechanismen sind an sich deutlich weniger ausgeprägt.

      Die MRI-Untersuchungen des Rückenmarks sind tatsächlich eingeschränkt bei vorliegenden Metallimplantationen wie sie bei Wirbelsäulenstabilisationen zum Teil gebraucht werden. Hier kann ggf. dann, wenn notwendig, eine Computertomographie oder auch Computertomographie mit Myelographie durchgeführt werden. In vielen Fällen ist jedoch trotz Metallimplantation eine ausreichende Beurteilung des MRI’s dennoch gegeben. Das muss mit der spezialisierten Radiographieabteilung im Einzelfall abgeklärt werden.

      Selten kommt es eigentlich bei Querschnittlähmung zu einer kompletten Durchtrennung des Rückenmarks, auch wenn der Patient als komplett erscheint. Meistens bestehen an der äusseren Rückenmarkshülle noch Nervenbrücken.

      Die Ergebnisse der aktuell durchgeführten Stammzelltherapie werden bei dem ISCOS Meeting 2012 in London erstmals weiter dargestellt. Die Befunde sind bisher ermutigend, da die Untersuchungen bisher als sehr sicher angesehen werden können, zudem gibt es auch positive Veränderungen bei den Patienten zu beobachten. Die Wertigkeit dieser Behandlung muss jedoch in den länger anhaltenden Studien weiter kontrolliert werden. Bis anhin sind wir aber mit dem Verlauf sehr zufrieden.

      Vielen Dank

      Prof. Dr. A. Curt, FRCPC
      Chefarzt und Direktor

      Auf diesen Kommentar antworten
      • Kai Bachmann am 24. Aug 2012 um 18:20 sagt:

        Vielen Dank für die kompetenten und ausführlichen Antworten!

        Viele Grüße
        Bachmann

        Auf diesen Kommentar antworten
  • Thorsten Hahn am 05. Apr 2013 um 21:54 sagt:

    Sehr geehrter Prof. Curt,
    habe nach Rückenmarksschädigung eine Oberschenkel betonte Spastik, mit dem großen
    Problem das der Muskel Bizeps Femoris und auch der Aduktor Longus durch nichts positiv zu beeinflussen sind. Habe verschiedene Orale
    antispastische Medikamente ausprobiert und
    damit lediglich das Ungleichgewicht
    der Spannung zur restlichen Muskulatur erhöht.
    Dann habe ich es 2 Jahre mit Botox versucht, bis die Dosis so hoch war, das mein ganzer Körper
    geschwächt war, aber in den beiden behandelten
    Muskeln war keine Positive Wirkung zu spüren.
    Bei einer Behandlung mit einer Lioresalpumpe
    vermutet man ähnliche Probleme wie mit den
    Oral verabreichten Medikamenten. Gibt es
    in so einem Fall noch andere Möglichkeiten
    die Spastik zu behandeln?
    Mfg Thorsten Hahn

    Auf diesen Kommentar antworten
    • Armin Curt am 08. Apr 2013 um 19:07 sagt:

      Lieber Herr Hahn,

      Besten Dank für Ihre Anfrage, ich möchte via Blog aber keine spezifischen Behandlungsempfehlungen machen. Dennoch kann man bei der intrathekalen Bolusapplikation von Lioresal ja rasch sehen, um wieviel besser oder anders die Wirkung ist. Es gibt auch noch den n.obturatorius Block bei Spastik der Adduktoren, um die Beine besser auseinander zu bekommen.
      Am besten besprechen Sie diese Möglichkeiten mit ihrem Querschnittzentrum.

      Beste Grüsse,
      Armin Curt

      Auf diesen Kommentar antworten
  • Thorsten Hahn am 09. Apr 2013 um 16:16 sagt:

    Hallo Prof.Curt,
    danke für den Tip, werde dies mit dem
    behandelnden Artzt besprechen,
    gruß T.Hahn

    Auf diesen Kommentar antworten
  • Prof. Armin Curt am 25. Apr 2017 um 14:46 sagt:

    Liebe Frau Hoffmann,

    vielen Dank für Ihr E-mail. Die von Ihnen beschriebenen Komplikationen kommen leider gelegentlich vor und sind genauso einschneidend wie eine unfallbedingte Querschnittlähmung. Ob elektrische Simulationsverfahren bei Ihnen geeignet wären, um das Laufen zu verbessern, kann ich aus der Ferne nicht wirklich beantworten. Wenn Sie dies genauer wissen möchten, müssten wir Sie zunächst hier bei uns in der ambulanten Sprechstunde sehen und dann Möglichkeiten besprechen.

    Mit besten Grüssen,
    Armin Curt

    Auf diesen Kommentar antworten
  • Melkonian am 18. Mar 2016 um 23:02 sagt:

    Sehr geerter Herr Professor Curt,
    vorab meine schilderung zu einer Krankheit die es angeblich nur drei mal auf der Welt geben soll.
    Da mein Bekannter kein Deutsch ( Grieche) kann und ich kein Arzt bin, versuche ich irgend wie zu helfen.
    Sein Enkel ist jetzt 19 Monate wurde soweit gesund geboren, bis einestages seine Beine anfingen zu lämen. Nach vielen Untersuchungen und einer OP ( wurde der ganze Rücken geöffnet) wurde am Ende der Wirbelsäule (Schwanz ) ein Tumor oder Geschwulst entdeckt, dieser wurde entfernt, danach hatte es sich etwas gebessert, nun bildet sich dort aber wieder ein neuer.
    Haben Sie von dieser Seltenen Krankheit schon mal gehört?
    Und wenn ja, wie kann man diesem Kind helfen?

    MfG
    Gabriele Melkonian

    Auf diesen Kommentar antworten
  • Dr. Armin Curt am 22. Mar 2016 um 12:45 sagt:

    Sehr geehrte Frau Melkonian,

    besten Dank für Ihre Anfrage betreffend der Erkrankung des Rückenmarks bei dem angesprochenen Kind. Es gibt sehr verschiedene Tumorerkrankungen im Bereich des Rückenmarks und diese zeigen sehr unterschiedliche Verläufe.

    Aus der Entfernung und ohne genauere Angaben kann ich leider keine klare Antwort geben. Wir sind aber in der Lage, das Kind hier im Balgrist durchaus einmal zu untersuchen und die medizinischen Unterlagen zu studieren, um dann eine fundiertere Antwort geben zu können. Diesbezüglich könnten Sie sich gerne an mein Sekretariat wenden (Tel: 044 386 39 01 oder per Mail: zfp@balgrist.ch).

    Ich hoffe diese Angaben sind hilfreich für Sie.

    Mit besten Grüssen,
    Armin Curt

    Auf diesen Kommentar antworten
  • Maria Hoffmann am 22. Apr 2017 um 10:28 sagt:

    Hallo Herr Dr. Armin Curt

    Ich bin am 30.11.2016 operiert worden Lws versteifung (4).
    Ich hatte am 01.12.2016 ein nachbluten dies auf das Rückenmark gedrückt hat. Nach 3 Monaten Reha kann ich nun laufen, jedoch nur am Rollator..... frei keinen Schritt.
    Ich bin richtig verzweifelt....... braucht dies einfach nur die Zeit ...... ich weiß nicht was ich noch machen soll.
    Vielleicht können Sie mir dazu etwas helfen.

    Auf diesen Kommentar antworten

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