Selbstständig und mobil auf zwei Rädern

Nach einer Rückenmarksverletzung auf einen Rollstuhl angewiesen zu sein und dabei die grösstmögliche Selbständigkeit im Alltag zu erlangen, verlangt viel Ausdauer, Training und Geduld. Wir Ergotherapeuten begleiten Menschen auf diesem Weg zu mehr Unabhängigkeit.

Autor

Fabienne Hasler absolvierte nach ihrer Ausbildung zur Fachangestellten Gesundheit das Studium zur Ergotherapeutin. Seit 2012 arbeitet sie als diplomierte Ergotherapeutin MSc in der Universitätsklinik Balgrist. Sie sammelte zunächst Erfahrung in der Versorgung von orthopädischen Patienten und wechselte später ins Zentrum für Paraplegie. Innerhalb ihrer Masterarbeit verfasste sie eine Studie zum Thema Rollstuhlmobilität im schweizerischen öffentlichen Verkehr und setzte sich intensiv mit der Thematik auseinander. Nebst Ihrer Tätigkeit als Ergotherapeutin arbeitet sie in der Forschungsabteilung des Zentrums für Paraplegie.

Fabienne Hasler
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Eine wichtige Voraussetzung dafür ist die mobile Fortbewegung im Alltag. Zusammen mit meinen vier Teamkollegen bieten wir unter anderem ein individuelles Rollstuhltraining an. Dazu gehört beispielsweise zu erlernen, wie ein Rollstuhl kraftsparend angetrieben wird, wie bei limitierten Platzverhältnissen manövriert wird und wie Schwellen überwunden werden können. Sind diese Grundfähigkeiten erlernt, begleiten wir unsere Patienten nach draussen, wo wir sie in der Nutzung des öffentlichen Verkehrs unterstützen.

Aller Anfang ist schwer

Das Mobilitätstraining ist Bestandteil der ergotherapeutischen Rehabilitation und sowohl für Para- als auch Tetraplegiker ausgerichtet. Es ist für Patienten vorgesehen, welche vor kurzem einen Schicksalsschlag erlitten haben, als auch an solche, welche schon längere Zeit auf einen Rollstuhl angewiesen sind. Oftmals ist es nämlich so, dass Betroffene während einer Erstrehabilitation sehr viele Informationen erhalten und ihre Fähigkeiten während einer erneuten Rehabilitation festigen möchten.

Die meisten Patienten sind mit einem manuellen Rollstuhl unterwegs. Einige haben aber auch ein elektrisches Zuggerät oder sind mit einem Elektrorollstuhl mobil. Zudem beziehen wir gezielt Angehörige in das Mobilitätstraining mit ein, damit diese bei Bedarf Unterstützung leisten können.

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Unternehmungslust steigern

In einem theoretischen Teil besprechen wir verschiedene Hilfsmittel zur Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel. So zeigen wir unseren Patienten unter anderem auf, wie sie einfacher von A nach B kommen. Bei älteren Patienten leisten diverse Informationsschalter, Fahrplanbroschüren oder Telefonauskünfte Unterstützung. Für Patienten mit Smartphones bieten Apps ganz viele Informationsmöglichkeiten.

Die „Wheelmap“ ermöglicht beispielsweise die weltweite Suche von geeigneten rollstuhlgerechten Orten, wie Restaurants, Cafés oder Toiletten. Ausserdem können User die verschiedenen Locations bewerten, was sehr wichtig ist, um den Inhalt der App laufend zu verbessern.

Eine weitere App ist „Eurokey“, welche von Pro Infirmis lanciert wurde. Eurokey ist ein verbreitetes Schliesssystem, das mit einem Universal-Schlüssel geöffnet werden kann. Die dazugehörige App bietet einen Überblick über rollstuhlgerechte WC-Anlagen, Aufzüge, oder Treppenlifte in der Schweiz und Teilen Europas.

Im Praxistest bewährt sich gute Planung

All diese Hilfsmittel sollen helfen, trotz Gehbehinderung mobil zu bleiben und am Alltag teilzuhaben. Genau deshalb wird deren Einsatz innerhalb der Therapie geübt. So sollen Patienten nach einer gewissen Zeit ihre Fähigkeiten praktisch anwenden, indem sie einen kleinen Ausflug organisieren. Die gesamte Reise von der Klinik bis zum Destinationsziel wird innerhalb der Therapie geplant und festgehalten.

Dabei ist es wichtig, vorhersehbare Herausforderungen zu antizipieren und zu wissen, wo Auskünfte eingeholt werden können. So müssen unter anderem die Tram- resp. Zugverbindungen herausgesucht und recherchiert werden. Auch die Zugänglichkeit von Cafés oder Toilettenanlagen müssen berücksichtigt werden. Weiter ist es zudem wichtig, dass Rollstuhlfahrer wissen, wie Hilfspersonen oder Passanten angeleitet werden müssen, um die gewünschte Unterstützung zu erhalten. Unter anderem ist es das Ziel, den Zeitaufwand in einem realistischen Rahmen zu berechnen.

Das Rollstuhl- und Mobilitätstraining stellt einen festen Bestandteil der Therapie dar. Mobilität, Unabhängigkeit und die Möglichkeit am sozialen Leben teilzuhaben, sind wichtig für den späteren Alltag ausserhalb der Klinik.

Stolze Patienten nach erfolgreicher Therapie

An meiner Arbeit als Ergotherapeutin schätze ich es sehr, Patientinnen und Patienten über eine längere Zeit hinweg zu begleiten. Ich mag es, alltagsnahe individuelle Ziele zu verfolgen und gemeinsam Lösungsstrategien zu erarbeiten. Nach Abschluss der Therapie können wir miteinander auf das gemeinsam erzielte Resultat zurückblicken. Das Mobilitätstraining bietet Menschen mit einer Querschnittlähmung die Möglichkeit, während der Rehabilitation erlernte Therapieinhalte ausserhalb der Klinik konkret anzuwenden. Die dabei erzielten Erfolge und das Geschaffte zu sehen, macht viele stolz.

 

Kommentare (2)

  • admin am 10. Apr 2017 um 11:41 sagt:

    Sehr geehrte Frau Kaspar
    Vielen Dank für Ihre Kontaktaufnahme. Tatsächlich ist das ambulante Angebot an Mobilitätstrainings für Rollstuhlfahrende nur limitiert vorhanden.

    Nebst unserer stationären Therapie bieten wir auch ambulante Ergotherapie an, wo wir auf individuelle Zielsetzungen hinsichtlich Rollstuhlmobilität eingehen können. Falls Sie daran interessiert sind, melden Sie sich am besten mit einer entsprechenden Verordnung für Ergotherapie bei unserem Sekretariat, um einen Termin zu vereinbaren.
    Weiter bietet auch die Schweizerische Paraplegiker Vereinigung ein Mobilitätstraining für Rollstuhlfahrende an. Den Link dazu finden Sie hier: www.spv.ch/de/veranstaltungenjahresprogramm/detail/
    Ich hoffe, mit dieser Antwort Ihre Frage beantwortet zu haben.

    Freundliche Grüsse
    Fabienne Hasler

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  • Kaspar Angela am 04. Apr 2017 um 21:38 sagt:

    Grüezi, ich bin MS-Patientin und suche für meine Art Behinderung ein solches Angebot. Finde aber nirgens eines. Es stimmt mich sehr traurig, dass ich als chronisch Kranke quasi aussen-vor bleibe. Es scheint, dass alle Angebote für Mobilität im Rollstuhl "nur" Unfallbehinderten vorbehalten ist. Niemand konnte mir bis dato weiter helfen - weder die MS Gesellschaft, nicht die Pro Infirmis und auch kein Arzt. Einzig eine nette Dame vom Sozialdienst im Paraplegikerz. Nottwil. Sie sagte mir, ich könnte in einer REHA vielleicht weiter kommen. Hätten Sie mir einen weiteren Input?
    Herzlichen Dank, mit freundlichem Gruss
    Angela Kaspar

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