PD Dr. med. José Aguirre ist seit dem 1. April 2020 stellvertretender Chefarzt Anästhesiologie. Grund genug, mit ihm über seine Arbeit, die Corona-Krise und über das Familienleben zu sprechen.

Zwei Wochen nach einer Regionalanästhesie klärt José Aguirre mittels Ultraschall den Schmerzzustand einer Patientin.
Der Stv. Chefarzt Anästhesiologie arbeitet seit September 2008 an der Universitätsklinik Balgrist.
José Aguirre engagiert sich ausserhalb des Klinikalltags für die Lehre und Forschung seines Fachgebiets.
Wissensaustausch mit Studenten der UZH zu Regionalanästhesie und Schmerzmanagement am...
...«Third European Day of Regional Anaesthesia».

Warum haben Sie sich entschieden, die Fachrichtung Anästhesie einzuschlagen?

José Aguirre: Anästhesie war kein direktes Ziel, da bin ich zum Glück reingerutscht. Die Lungen- und Kreislaufphysiologie sowie der Umgang mit kritischen Situationen haben mich fasziniert, und ich habe beides in der Anästhesie gefunden.


Welches waren die wichtigsten Stationen Ihres bisherigen Arbeitslebens?

Da gibt es zwei – die Jahre im Tessin am Cardiocentro Lugano, wo ich nebst den Tätigkeiten in der Herzanästhesie und Intensivmedizin auch Notarzt und Rega-Arzt sein durfte, und natürlich den Beginn meiner Karriere am Universitätsspital Balgrist, wo ich mich in die Regionalanästhesie und Schmerztherapie vertieft habe. Die damaligen Chefärzte waren gleichzeitig meine prägendsten Mentoren: Prof. Dr. med. T. Cassina, ihm habe ich mein Wissen über Herz und Kreislauf zu verdanken, und Prof. Dr. med. A. Borgeat, der mich für die Regionalanästhesie sowie Lehre und Forschung begeistert hat.

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Sie sind Anästhesist an der Universitätsklinik Balgrist. Können Sie uns Ihren Tätigkeitsbereich umschreiben?

Ich sorge mit meinem Team dafür, dass Patientinnen und- Patienten, die fast immer nervös sind und Angst vor dem Eingriff haben, ein sicheres und angenehmes Anästhesieerlebnis erfahren und postoperativ möglichst keine Schmerzen und Nebenwirkungen wie Übelkeit und Erbrechen erleiden. Dazu gehören die präoperative Einschätzung und die medikamentöse Einstellung der Patientinnen und Patienten, die perioperative Aufrechterhaltung der Vitalfunktionen sowie die postoperative Überwachung und Betreuung. Zusätzlich bin ich für den Ablauf im OP mitverantwortlich und betreue die Lehre sowie unsere Forschungsprojekte.

«Der Nachwuchs ist nicht einfach nur als Arbeitskraft anzusehen, es sind die Kolleginnen und Kollegen, die später vielleicht mich betreuen werden.»

Sie sind auch als Privatdozent und Lehrbeauftragter an der Medizinischen Fakultät der Universität in Zürich tätig. Was motiviert Sie, Wissen an junge Menschen weiterzugeben?

Es ist ein Privileg, an einer Universität arbeiten, lehren und forschen zu dürfen. Junge Menschen zu motivieren, auf ihrem Weg zu begleiten, sie bestenfalls für eine Karriere im Fachgebiet der Anästhesie zu begeistern, das ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Der Nachwuchs ist nicht einfach nur als Arbeitskraft anzusehen, es sind die Kolleginnen und Kollegen, die später vielleicht mich betreuen werden. Mein zusätzlicher Aufwand wird durch die Entwicklung von jungen Kollegen und die Mitgestaltung ihrer Erfolge kompensiert.


Welches sind für Sie persönlich die grössten Herausforderungen in der Corona-Krise?

Spezialisiert auf Atemwege arbeiten mein Team und ich am Ort mit der grössten Ansteckungsgefahr. Im Rahmen der Ausbildung zum leitenden Notarzt wurden wir auch in Katastrophenmedizin geschult, das kommt mir in der momentanen Situation zugute. Wir haben Konzepte für ein sicheres Anästhesie-Management entwickelt. Dies alles unter Berücksichtigung der besonderen Herausforderungen auf der Intensivmedizin und der Zusammenarbeit mit Lagerungspflege, Operationstechnik und Orthopädie. Wir binden auch das Reinigungspersonal mit ein. Hierfür führen wir regelmässig interdisziplinäre Schulungen mit praktischen Übungen durch. Wir machen alle zum ersten Mal eine Pandemie durch, da müssen alle auch an für sie ungewohnten Stellen anpacken und mitgestalten.


Wofür würden Sie meilenweit gehen?

Für meine Familie. Aufgrund meiner Exposition bei der Arbeit bin ich auf «family distance» gegangen: Ich esse an einem Ende des langen Tisches, teile mein Dessert nicht mehr mit meiner 10-jährigen Tochter, die bereits versteht, warum. Ich habe mein eigenes Bad, schlafe alleine und verbringe bewusst (zu) viel Zeit in meinem Büro im Keller. Das ist emotional sehr belastend, aber meine Familie in Gefahr zu bringen, ist keine Option.

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