Frauen sind in der Welt der Wissenschaft noch immer untervertreten. Was ist nötig, damit mehr Frauen in Forschung und Wissenschaft Fuss fassen?  Anlässlich des Internationalen Tages der Frauen in der Wissenschaft sprechen wir mit Laura Sirucek über Schmerzen und ihren Weg zur Wissenschaftlerin.

Die angehende Neurowissenschaftlerin war lange sportlich sehr aktiv. Volleyball hat ihr Leben dominiert – als Athletin trainierte sie zwei Mal am Tag, um ihre Karriere in der obersten Schweizer Profiliga und in der Schweizer Nationalmannschaft voranzutreiben.

Sich von einem Lebenstraum zu verabschieden tut weh, auch wenn man einen Teil davon erreicht hat.

Im Alter von 26 Jahren zwang sie eine abermalige schwerwiegende Verletzung ihren Traum aufzugeben. Laura erinnert sich: «Ich habe mehrere Monate gehadert, konnte mich zu keiner Entscheidung durchringen. Sich von einem Lebenstraum zu verabschieden tut weh, auch wenn man einen Teil davon erreicht hat.» Kommt das Überwinden des eigenen Stolzes dazu; sich eingestehen zu müssen, dass es doch nicht für alles gereicht hat. Rückblickend überwiegen aber die Gedanken an Erfolge, an unvergessliche Erlebnisse und die kostbare Lebensschule «Team- und Leistungssport».

Zwei Forschende im MRI-Raum
Nach der Profikarriere im Volleyball widmet sich Laura Sirucek (l.) voll und ganz der Wissenschaft.

Die Segel in eine neue Richtung setzen

Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass es nicht nur den einen Lebenstraum gibt. Laura entdeckte ein wachsendes Interesse an ihrem Studium und mehr «Kopfarbeit». Sie packte die Chance, im Rahmen ihrer Masterarbeit nach Vancouver zu reisen. Die Umstellung von der Profisportlerin mit Teilzeitstudium zu einem «normalen» Studentenalltag mit Nebenjob war riesig. Zu akzeptieren, nicht mehr ganz so durchtrainiert zu sein wie als aktive Profisportlerin. Ein neues soziales Umfeld aufzubauen. Auf der anderen Seite kamen allmählich Freiheiten dazu, die sie als Athletin nie hatte: den Feierabend mit Mitstudierenden geniessen, statt ins Training zu hetzen. Sich im Sommer in die Sonne legen, statt den Tag in der Sporthalle zu verbringen. Und einfach Sport machen, wenn man wirklich Lust darauf hat – nicht, weil man vertraglich dazu verpflichtet ist.

Zwei Forscherinnen im Austausch
Laura Sirucek im Gespräch mit ihrer ehemaligen Supervisorin Michèle Hubli. Beide teilen die Faszination für neurobiologische Mechanismen.

Wenn ich genauer darüber nachdenke, sind Doktorandinnen auch Athletinnen.

Neu entdeckte Leidenschaft

Laura fokussierte sich fortan auf ihr Masterstudium in Biomedizin an der Universität Zürich. Interesse an Naturwissenschaften hatte sie schon immer, «allerdings hätte ich nie gedacht, dass ich mal eine Doktorarbeit schreibe», so die 30-Jährige. «Sind nicht alle Doktoranden langweilig und streberhaft?», so ihr Empfinden, als sie erstmals den Fuss in die Welt der Wissenschaft setzte. Ihre Annahme wurde komplett widerlegt, und sie lernte neue Menschen kennen, die entschlossen ihr Ziel verfolgten und Begeisterung für die Forschung zeigten. «Wenn ich genauer darüber nachdenke, sind Doktorandinnen auch Athletinnen.» Ein Doktorat weist zahlreiche Parallelen auf zum Sportlerdasein. Wille, Frustrationstoleranz, Teamarbeit und vor allem Leidenschaft. Höchstwahrscheinlich war es Letzteres, das ihr den Weg zum Doktorat ebnete: eine neu entdeckte Leidenschaft für die Schmerzforschung, die während ihrer Masterarbeit über Messmethoden von Schmerzwahrnehmungen erwachte und gegen Ende stetig wuchs. Laura konnte sich nicht von der Faszination für neurobiologische Mechanismen von Schmerzen wie Veränderungen im Gehirn und im Rückenmark lösen.

Forscherin Laura Sirucek sitzt am Computer
Eine Hülle und Fülle an Literatur: Forscherin Laura Sirucek beim Lesen einer aktuellen Schmerzstudie.

Schmerzen verstehen

Der Leidenschaft für Schmerzforschung geht Laura nun im zweiten Jahr ihres Doktoratsstudiums der Neurowissenschaften an der Universität Zürich nach. Sie arbeitet für den Forschungsarm der chiropraktischen Medizin unter der Leitung von Petra Schweinhardt. «Mein Projekt zielt darauf ab, Ergebnisse aus der Psychophysik und aus Bildgebungen des Gehirns zu integrieren, um unser Verständnis möglicher Sensibilisierungsprozesse im Zentralnervensystem bei Menschen mit chronischen Kreuzschmerzen zu verbessern.» Am Meisten vertiefen und ausleben kann sie sich in der Datenanalyse und Veranschaulichung von Daten. «Ich finde es faszinierend zu sehen, wie sich die Resultate der durchgeführten Experimente vor den eigenen Augen entfalten und man all die Arbeit, welche man in die Studie reingesteckt hat, endlich sehen kann.» Dies dann so zu verarbeiten, dass es schön aussieht und auch für Nicht-Experten verständlich ist, ist das Tüpfelchen auf dem i. Am wenigsten mag Laura das konstante Lesen, was jedoch ein Muss ist, um auf dem neusten Stand zu bleiben.

Am Balgrist arbeite ich in einer Forschungsgruppe mit einem sehr ausgeglichenen Geschlechterverhältnis.

Es gibt Literatur in Hülle und Fülle und manchmal beschleicht einen das Gefühl, dem Wissen hinterherzuhinken. Ähnlich frustrierend fühlt es sich an, wenn man denkt, ein neues, spannendes Paper entdeckt zu haben, nach den ersten zwei Absätzen aber klar wird, dies schon gelesen und wieder vergessen zu haben. Es gehört aber genauso zur täglichen Arbeit wie die Datenanalyse, also Augen zu und durch.

Die Wissenschaft braucht mehr Frauen

Ähnlich wie in anderen Bereichen sind Frauen auch in der Wissenschaft untervertreten. Auch beim Thema Gleichstellung ist das Ziel noch nicht in Sicht – wie die ungleiche Geschlechterverteilung in Führungspositionen und Professuren zeigt. Die angehende Neurowissenschaftlerin hatte aber bisher Glück: im Biologiestudium sind Frauen zahlreich vertreten, geniessen eine hohe Akzeptanz, und am Balgrist arbeitet sie in einer Forschungsgruppe mit ausgeglichenem Geschlechterverhältnis. Zudem hat Laura mit PD Dr. med. Petra Schweinhardt, Forschungsleiterin Chiropraktik, eine weibliche Vorgesetzte. Auch vor ihrem Doktorat wurde die Wissenschaftlerin von mehreren Frauen als Supervisorinnen begleitet, welche immer eine Inspiration waren. «Solche Rollenbilder helfen immens auf der Suche nach dem eigenen Weg – es wird einem aufgezeigt, was möglich ist.» Nicht zu vergessen die eigenen Eltern und Geschwister, die sie immer in der Ansicht unterstützt haben, dass alle Türen offenstehen – unabhängig des Geschlechts. «Ich finde es auch wichtig, dass Balance und Diversität im professionellen Umfeld gelebt werden. Verschiedene Geschlechter, Kulturen und Hintergründe führen dazu, dass bei Diskussionen unterschiedliche Aspekte einfliessen. Daraus ergeben sich wiederum neue Fragestellungen, die unsere Forschungsgruppe und hoffentlich eines Tages das gesamte Feld vorantreiben.»

Forscherin begutachtet ein MRI-Scan am Bildschirm
Wie und wo entstehen Schmerzen? Eine Frage, welche die Schmerzforscherin empirisch untersucht.

Frauen sollen Frauen bleiben dürfen

Ihre Supervisorinnen haben auf der einen Seite immer viel von ihr gefordert und maximalen Einsatz erwartet – auf der anderen Seite nicht mit Lob gespart, wenn man die hohen Ansprüche erfüllt hat. «Ich weiss nicht, ob das typisch weiblich ist, da ich keinen Vergleich mit einem direkten männlichen Vorgesetzten in der Wissenschaft habe – ich kann nur sagen, dass mich diese Art der Supervision immer maximal motiviert und das Beste aus mir herausgeholt hat. Da fällt mir auf: fast habe ich mich nicht getraut, «einfühlsam» zu schreiben, es könnte ja als Schwäche interpretiert werden. Die Tatsache, dass mir dieser Gedanke durch den Kopf geht, ist Symbol für etwas, das ich wahnsinnig schade finde: Zum Teil scheint es mir, als müssten Frauen ihre Eigenschaften «vermännlichen», um ernst genommen zu werden. In der Gesellschaft als weiblich assoziierte Eigenschaften wie Einfühlsamkeit und Sensibilität scheinen nicht willkommen zu sein. Dabei sind es solche Charakteristika, die den Zusammenhalt fördern, Kompromisse ermöglichen und Arbeitskollegen wie Mitarbeitenden Raum und Vertrauen geben, ihre eigene Stimme geltend zu machen. Ich würde mir wünschen, dass Frauen Frauen bleiben dürfen – egal in welcher gesellschaftlichen Position.»

Solange Frauen sich davor «fürchten» müssen, ihre beruflichen Erfolg zu behindern, wenn sie sich für Kinder entscheiden, stehen sie zu einem gewissen Grad vor der Wahl zwischen Beruf und Kind.     

Wie finden mehr Frauen den Weg in die Wissenschaft?

Um eine Änderung im grossen Stil zu erreichen, brauche es eine Änderung in der Mentalität, ist Laura überzeugt. «Es muss jedem und jeder klar sein, dass Frauen auch Karriere machen können, sofern sie dies denn anstreben.» Genauso sollte es akzeptiert und möglich sein, sich voll und ganz z.B. der Kindererziehung zu widmen. Die gleiche Entscheidung sollte allen Männern offenstehen. Und es braucht eine bessere Unterstützung von Frauen und Männern in Familienangelegenheiten. Solange Frauen sich davor «fürchten» müssen, ihre beruflichen Erfolg zu behindern, wenn sie sich für Kinder entscheiden, stehen sie zu einem gewissen Grad vor der Wahl zwischen Beruf und Kind. So gehen sehr viele talentierte, intelligente und führungsfährige Frauen verloren. Leider liefert unsere Gesellschaft noch kein Bild dieser Gleichstellung und Unterstützung – ich sehe aber in meinem Umfeld, dass wir zumindest auf dem richtigen Weg sind.

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