Wie schaffte es die ehemalige Skirennfahrerin Dominique Gisin trotz einer schier endlosen Verletzungsgeschichte bis zum Olympiasieg? Die 34-Jährige Engelbergerin erzählt ihre inspirierende Geschichte zusammen mit Sportpsychologe Christian Marcolli an der traditionellen Weihnachtsvorlesung der Universitätsklinik Balgrist.

Prof. Mazda Farshad eröffnet die traditionelle Weihnachtsvorlesung
Dominique Gisin spricht über die Höhen und Tiefen ihrer Karriere
Sportpsychologe Dr. Christian Marcolli unterstützte Dominique Gisin auf ihrem Weg zurück zum Erfolg
Das Auditorium ist bis auf den letzten Platz besetzt
Nach der Vorlesung wurden den Mitarbeitenden feine Häppchen angeboten
Auch auf Goldmedaillen-Niveau: Das Küchenteam, die Gastronomie sowie alle Helferinnen und Helfer

Die Sitzreihen im Auditorium waren bis auf den letzten Platz besetzt, und die Stehplätze dahinter wurden knapp. Das Interesse der Balgrist-Mitarbeitenden an der Weihnachtsvorlesung war riesig. In seiner Einleitung blickte Prof. Mazda Farshad auf das zu Ende gehende Jahr zurück. Dabei erinnerte an die personellen Wechsel, die Eröffnung des Universitären Zentrums für Prävention und Sportmedizin – und insbesondere an die «Balgrist-DNA», die Verzahnung von Menschlichkeit mit der Evolution der Medizin. In dieser universitären Medizin am Balgrist stehe immer der Patient zuoberst, alle Entscheide richteten sich danach aus. Dass der Balgrist seinen Auftrag, die Medizin weiterzubringen, erfüllen kann, belegte Farshad mit der Zahl von über 200 wissenschaftlichen Publikationen.

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«Richtig gut Skifahren lernt man nur im Nebel»

Es grenze an ein sportmedizinisches Wunder, meinte Christian Marcolli, dass Dominique Gisin in der Olympia-Abfahrt 2014 das perfekte Rennen fahren konnte und zeitgleich mit Tina Maze, der slowenischen Ausnahmeathletin im alpinen Skirennsport, zuoberst auf dem Podest stand. Ein verrückter Tag sei es gewesen, erinnerte sich Gisin, ein Tag voller Glücksgefühle. Aber der Weg dorthin sei nicht einfach gewesen.

«Das wichtigste war mein breites Lachen. Ich liebe den Skisport, die Kälte und den Winter.»

Mit eineinhalb Jahren war sie zum ersten Mal auf Ski gestanden. Im Umfeld einer sportbegeisterten Familie wurde Skifahren zu ihrer grossen Leidenschaft. Schon früh bekam sie von ihrem Grossvater mit, dass «man richtig gut Skifahren nur im Nebel lernt». Also ging sie bei Wind und Wetter mit auf die Piste. «Aber das wichtigste dabei war mein breites Lachen», so Gisin. Sie hatte Freude, sie liebte den Sport, die Kälte, den Herbst und den Winter: «Da geht mir auch heute noch das Herz auf.» Michael von Grünigen und Vreni Schneider waren ihre grossen Vorbilder. Gisin kam ihrem Traum, in deren Fussstapfen zu treten, mit dem Gewinn des Ovo-Grand-Prix-Finals 1996 ein Stück näher. Bis 2000 gings immer aufwärts.


Neun Knieoperationen

Dann erlitt sie, 14-jährig, ihren ersten Kreuzbandriss am rechten Knie. Eine schwere Verletzung für ein junges Mädchen. Es reihte sich ein Kniescheibenbruch hinzu, und Gisin musste froh sein, dass sie wieder gehen konnte. Medizinisch war sie ein interessanter Fall: «Das hat mich gerettet», sagt sie heute. Insgesamt wurde sie neun Mal am Knie operiert. Sie stand mehrmals ohne Kader, ohne Team und ohne Coach da. Im Alter von 15 bis 18 Jahren konnte sie nur zwei Rennen fahren – die ein Jahr ältere Lindsey Vonn fuhr in dieser Zeit weit über hundert Rennen! Gisin musst immer wieder neu anfangen. In dem Moment, als sie endlich den Sprung ins Schweizer Weltcup-Kader schaffte, verletzte sie sich am linken Knie: «Mein starkes Bein, das mich durch all die Jahre getragen hatte, war jetzt plötzlich kaputt», erzählte Gisin. Und das machte ihr mental zu schaffen.

«Für die Olympischen Winterspiele in Vancouver 2010 war sie parat – dennoch stürzte sie dort im Zielhang schwer.»

Sie holte sich die Unterstützung des Sportpsychologen Christian Marcolli. Er erkannte: Gisin hat Talent. Aber seine Analyse ergab: Ihr aktuelles Profil genügte nur an einem guten Tag für eine Top-Leistung. Marcolli erklärte in der Weihnachtsvorlesung Massnahmen, mit denen er half, Gisin mental fit und zu einer «true athlete», ja zu einer Champion zu machen: mit gestärktem Killerinstinkt, mit der Klarheit darüber, auf wen sie wirklich zählen kann, und mit der Fähigkeit, im Misserfolg die Motivation zu bewahren. Für die Olympischen Winterspiele in Vancouver 2010 war sie parat – dennoch stürzte sie dort im Zielhang schwer.

Den Schalter umkippen

Sie war am Boden zerstört und fuhr in der Folge mit zwei angezogenen Handbremsen. Marcolli riet ihr zu mehr Marge auf der Piste und sich von Rennen zu Rennen wieder heranzutasten: Im ersten Rennen nur eine Kurve am Limit fahren, im zweiten zwei Kurven etc. Vor Sotschi war sie dann bei 25 Kurven von 26 angekommen. Und im Abschlusstraining zur Olympia-Abfahrt konnte sie den Schalter umkippen, sich qualifizieren und am Tag X ihr perfektes Rennen fahren: «Ich habe alle Kurven so fahren können, wie ich sie habe fahren wollen.» Der Skisport brachte es auf die Titelseite der New York Times, in Engelberg herrschte Ausnahmezustand und Dominique Gisin wurde zur Sportlerin des Jahres gewählt.

Am 19. März 2015 gab Gisin ihren Rücktritt bekannt. In den Jahren darauf studierte sie Physik an der ETH Zürich und schloss mit einem Bachelor ab. Heute ist sie CEO der Stiftung Schweizer Sporthilfe.

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