Interdisziplinäre Herausforderung in der Rehabilitation eines Asylsuchenden

Als Stationsleiterin im Pflegedienst des Zentrums für Paraplegie Balgrist habe ich schon einige Patientinnen und Patienten betreut, welche harte Schicksalsschläge erlitten haben.

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Nicola Buck ist Stationsleiterin des Zentrums für Paraplegie Balgrist. Sie absolvierte ihre Schwerpunktausbildung in den Bereichen Intensiv- und Onkologie-Pflege und machte Weiterbildungen und Spezialisierungen in Coaching und Projektmanagement. Den Ausgleich zum Berufsleben sucht sie im Sport, beim Biken, Wandern und Segeln sowie in der Buchstabenwelt.

Nicola Buck
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Als Stationsleiterin im Pflegedienst des Zentrums für Paraplegie Balgrist habe ich schon einige Patientinnen und Patienten betreut, welche harte Schicksalsschläge erlitten haben. Die Pflege von Querschnittgelähmten ist mit vielen Emotionen verbunden und dabei ist es besonders schön, dass wir die Betroffenen auf ihrem Weg zur Wiedererlangung ihrer Selbstständigkeit begleiten und unterstützen dürfen.

Schussverletzungen führten zur Querschnittlähmung

Eine besonders schwierige und aufwühlende Erfahrung haben wir kürzlich mit einem jungen syrischen Flüchtling gemacht. Er war zusammen mit seiner Familie 18 Monate lang unterwegs und über die Balkanroute in die Schweiz gekommen. Vor rund 20 Monaten wurde er in seiner Heimat angeschossen, trug schwerwiegende Verletzungen davon und ist seither querschnittgelähmt. Zwar wurde der junge Syrer medizinisch versorgt, er war aber in keiner Art und Weise physisch noch psychisch rehabilitiert und musste dann aufgrund politischer Eskalationen sein Land verlassen. Besonders tragisch war zudem die Tatsache, dass er nicht richtig aufgeklärt worden war und glaubte, eines Tages wieder gehen zu können. Um ihn auf der Flucht besser zu tragen, hatten sein Freund und sein Bruder seine Beine mit Kabelbindern zusammengebunden. Er trug deshalb an verschiedenen Stellen der Beine tiefe Wunden davon. Die konservative Wundbehandlung nahm mehrere Monate in Anspruch. Sein Körper war zudem an einigen weiteren Stellen mit offenen Blessuren versehen und er litt an einer Beugespastik, die bereits zu Kontrakturen geführt hatte. Der Patient wurde via Ambulatorium in unseren stationären Bereich überwiesen.

Dolmetscher zur Behebung der Sprachbarrieren

Der Mann war keine 25 Jahre alt und ein interdisziplinärer Patient - er wurde also von verschiedenen Abteilungen behandelt, wie der Physio- und Ergotherapie sowie dem Sozialdienst und der Seelsorge. Die grosse Herausforderung bei der Behandlung war beim ganzen Betreuungsteam deutlich spürbar. Auch wir auf der Pflegestation machten ganz neue Erfahrungen, insbesondere da die Kommunikation und ein verständlicher Informationsfluss die Basis einer gegenseitigen Kooperation im Behandlungskonzept darstellen. Es war daher essentiell, dass der Patient, der nur ein wenig Türkisch sprach, für sein Verständnis und seine Mitarbeit gut informiert wurde. Wir hatten das Glück, dass eine unserer Kolleginnen, die der türkischen Sprache mächtig ist, während ihrer Präsenzzeiten mit ihm kommunizieren konnte. Für gezielte und weitreichende Gespräche konnten wir einen Dolmetscher hinzuziehen. Nebst der Kommunikationsbarriere wurden die kulturellen Unterschiede immer deutlicher. Die Ärzte akzeptierte er gut, aber wir anderen Therapeuten - insbesondere die Frauen – konnten nicht bis zu ihm durchdringen. Sein Frauenbild entspricht der arabischen Kultur, was Konfliktpotential bedeutete.

Selbstständigkeit für Querschnittgelähmte als oberstes Ziel

In Syrien hat die Versorgung eines Menschen mit Behinderung in der Familie einen sehr hohen Stellenwert und folglich war sich der Patient gewohnt, dass sich seine Mutter und Schwester um ihn kümmerten. Das oberste Ziel unserer Therapie besteht jedoch darin, dass wir den Querschnittgelähmten stetig zu mehr Selbstständigkeit verhelfen. In der Regel können die Betroffenen ihren Alltag nach sechs Monaten ohne die Hilfe von Fremdpersonen sehr gut meistern. Der syrische Kriegsflüchtling gehört ebenfalls zu den Querschnittgelähmten, die ihr Leben nach abgeschlossener Behandlung alleine bewerkstelligen können. Leider widersetzte er sich all unseren Therapieansätzen. Er zeigte kein Interesse bei den Trainings, befolgte unsere Anweisungen nicht und meldete sich zusehends öfter ab. Aus diesem Grund war es nicht möglich, mit ihm realistische Ziele, wie hohe Selbständigkeit, zu erreichen.

Sinn der Therapie wurde nicht erkannt

In den verschiedenen Gesprächen mussten wir immer wieder feststellen, dass er nicht gewillt war, an seiner Behinderung zu arbeiten und stattdessen auf die Betreuung seiner Familie bestand. Er sah den Sinn in unseren Therapieansätzen schlicht nicht und wollte sich nicht aufklären lassen. Nach vier Monaten, welche für sämtliche Beteiligten eine sehr anspruchsvolle Zeit darstellte, mussten wir zur Einsicht kommen, dass die Therapieziele aufgrund seiner mangelhaften Mitarbeit und trotz mehreren Aufklärungsversuchen nicht erreicht werden konnten. Unter diesen Umständen war es nicht möglich, die weiterfolgende Behandlung zu rechtfertigen. Der Patient wurde ins Asylantenheim mit spitalexterner Unterstützung entlassen. Leider verfügt das Heim über keinen Lift – der junge Mann muss deshalb die Treppen hinauf- und hinuntergetragen werden. Die Spitex unterstützt ihn bei der Körperpflege sowie dem Darmmanagement und führt Hautkontrollen bei Sensibilitätsstörungen durch.

Seit seiner Entlassung haben wir ihn nicht mehr gesehen. Zwar muss er regelmässig unseren ambulanten Bereich besuchen, aber dabei werden die Wundbehandlung und die alltagstaugliche medizinische Versorgung sichergestellt. Wir hätten uns sehr gewünscht, dem jungen Syrer auf seinem Genesungsweg beistehen zu können. Es war sehr schwierig zu akzeptieren, dass wir es nicht geschafft haben, die kulturellen Hindernisse zu überwinden.

 

Kommentare (5)

  • steve frei am 05. Apr 2016 um 17:57 sagt:

    Liebe Frau Buck
    Sehr interessanter Bericht und hervorragend geschrieben. Chapeau!

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    • Nicola Buck am 06. Apr 2016 um 10:56 sagt:

      Danke - eien spannende Herausforderung für das interdisziplinäre Team.
      Freundliche Grüsse Nicola Buck

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  • Moni Stüssi am 05. Apr 2016 um 23:47 sagt:

    Sehr spannend geschrieben, vielen Dank für den Einblick.

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    • Nicola Buck am 06. Apr 2016 um 11:06 sagt:

      Danke - dieser Patient hat uns aufgezeigt - was weiterhin in unseren Prozessen optimiert werden kann.

      Mit freundlichen Grüssen Nicola Buck

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  • Chris am 28. Nov 2017 um 15:46 sagt:

    Sehr geehrte Frau Frei
    Paraplegie Th 10 komplett. Tendenz zu Verstopfung. Abführen alle 2 Tage. Movicol am Vorabend des Stuhltages. Zum Abführen Lecicarbon. Digitalisieren und Bauchmassage. Erfolg gemischt. Oft kommt nicht viel. Was halten Sie von einer Birnspritze? Jemand hat mir erzählt, dass er damit erfolgreich abführt. Vielen Dank für Ihre Rückmeldung.

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