Sexualität darf kein Tabuthema sein

Welche Veränderungen nehmen querschnittgelähmte Menschen zwischen 18 und 44 Jahren in der Sexualfunktion und Fruchtbarkeit wahr? Welche Komplikationen treten bei einer Schwangerschaft auf? Um diesen und weiteren Fragen auf den Grund zu gehen, habe ich meine Bachelorarbeit am Institut für Pflege an der ZHAW dem Thema «Probleme von Querschnittgelähmten bei der Familiengründung» gewidmet.

Autor

StefanLauffer-Vogt hat im April 2009 die Ausbildung zum Pflegefachmann DN2 im Careum abgeschlossen und ist seitdem am Zentrum für Paraplegie angestellt.

Im Juli 2013 absolvierte er an der ZHAW in Winterthur den Bachelor of Science ZFH in Pflege. Seit Juli 2012 ist er verheiratet und widmet sich gerne zusammen mit seiner Frau den lieben Katzen. In seiner Freizeit engagiert sich Stefan Lauffer-Vogt im Vorstand des Militär-Sanitäts-Vereins Zürich, wo er für den Bereich Sanitätsdienst zuständig ist. Ausserdem besucht er als Ausgleich das Fitness Center, geht ins Kino oder verbringt gemütliche Stunden mit seiner Frau oder Freunden.

Stefan Lauffer-Vogt
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Das Thema Sexualität muss angesprochen werden

Partnerschaft, Sexualität, Fruchtbarkeit und Schwangerschaft sind Bereiche, welche junge Querschnittgelähmte in hohem Masse beschäftigen, die aber auch mit Hemmungen verbunden sind. Der Umgang mit diesen darf bei einer ganzheitlichen Rehabilitation unter keinen Umständen ausser Acht gelassen werden. Einerseits können solche Themen in einer Sexualsprechstunde mit einem Neuro-Urologen besprochen werden, andererseits gehört das Pflegepersonal meistens zu den ersten Ansprechpartnern. Die Patienten suchen bei ihnen häufig eine Vertrauensperson, denn sie sind für die Querschnittgelähmten da, wenn Fragen aufkommen. Aus diesem Grund soll meine Arbeit auch das Pflegepersonal unterstützen, denn viele unter ihnen wissen bei Themen rund um die Familiengründung nur unzureichend Bescheid.

Patientinnen können eine psychisch bedingte sexuelle Erregung empfinden

Eine Querschnittlähmung kann bei Frauen die körperlichen Anzeichen für sexuelle Erregung vermindern oder auch bewirken, dass diese ganz ausbleiben. Bei Patientinnen mit einer kompletten Querschnittlähmung unterhalb des 11. Brustwirbels ist es möglich, dass diese Anzeichen mit einer geistigen Erregung ausgelöst werden können. Dazu gehört zum Beispiel das Feuchtwerden der Scheide oder die Kontraktion der Brustwarzen. Bei einer kompletten Querschnittlähmung oberhalb des 11. Brustwirbels kann die sexuelle Erregung durch direkte Stimulation erreicht werden. Leider reicht diese nicht immer für den Geschlechtsverkehr aus.

Der weibliche Orgasmus wird sehr unterschiedlich bis gar nicht wahrgenommen und es dauert länger bis er erreicht werden kann. Manche Frauen empfinden ihn als unangenehm und er kann eine Blutdrucksteigerung, einen Schweissausbruch, Kopfschmerzen und Krämpfe beziehungsweise sogenannte Spastiken verursachen. In der Fachliteratur wird aber auch vom Empfinden eines «Para-Orgasmus» berichtet, der eine ganz eigene Qualität aufweist und einer ganzheitlichen Körpererfahrung entspricht.

50 Prozent der querschnittgelähmten Männer erleben eine eingeschränkte Erektion

Bei Männern mit einer Querschnittlähmung ist die Erektionsfähigkeit von vielen Faktoren, wie der Dauer, Höhe und Vollständigkeit der Querschnittlähmung abhängig. Es wird davon ausgegangen, dass etwa 50 Prozent der Patienten an einer Beeinträchtigung leiden. Je höher eine Querschnittlähmung ist, desto besser kann eine Reflexerektion durch direkte Stimulation erreicht werden. Die Erektion ist aber oft unzureichend und zu kurz für den Geschlechtsverkehr. Bei männlichen Patienten mit einer Lähmung zwischen dem 11. Brustwirbel und dem 2. Lendenwirbel besteht grundsätzlich die Chance auf eine psychisch kontrollierbare sexuelle Erregung.

Bei 90 bis 95 Prozent der Betroffenen bleibt das Ejakulat beim Orgasmus aus

Männer mit einer sensibel inkompletten Querschnittlähmung, die also ein Gefühl in den gelähmten Körperbereichen spüren, empfinden den Orgasmus möglicherweise gleich wie vor der Verletzung, aber auch solche ohne jegliche Sensibilität können teilweise einen Höhepunkt erleben. Manche Männer empfinden unwillkürliche Muskelkontraktionen, welche häufig länger anhalten und meist als unangenehm wahrgenommen werden. Für eine Ejakulation wird das Zusammenspiel verschiedener Nerven benötigt, was jedoch bei Querschnittgelähmten oft gestört ist. Dies kann dazu führen, dass das Ejakulat in die Harnblase zurück fliest oder dass die Menge des Ejakulats abnimmt. Gemäss Untersuchungen bleibt es bei 90 bis 95 Prozent der Betroffenen während des Orgasmus aus.

Lesen Sie im nächsten Blogbeitrag über die Fruchtbarkeit von Querschnittgelähmten und wie querschnittgelähmte Frauen eine Schwangerschaft und die Geburt erleben.

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