Spastik – anstrengend, schmerzhaft – aber auch Warnsignal für Querschnittgelähmte

Das Wort Spastik haben die meisten wohl schon einmal gehört. Aber - was ist Spastik, wie entsteht sie und was bedeutet sie für die Betroffenen?

Autor

Karen Janke arbeitet seit fünf Jahren als Pflegefachfrau HF am Zentrum für Paraplegie Balgrist. Sie ist bereits seit Ender ihrer Ausbildung in Hamburg im Bereich Paraplegie tätig, u.a. auf der Beatmungs-Abteilung, der IPS und der Intermediate Care. In ihrer Freizeit reist sie gerne, geniesst Konzertbesuche, Treffen mit Freunden und entspannt sich gerne beim Lesen, bevorzugt Krimis.

Karen Janke
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Definition von Spastik

Spastik wird definiert als erhöhter, geschwindigkeitsabhängiger Dehnungswiderstand der Muskulatur, d.h. der Grundtonus der Muskulatur in den betroffenen Körperregionen ist erhöht. Sie ist ein Symptom für Erkrankungen, bzw. Verletzungen des zentralen Nervensystems, wobei immer eine Schädigung des Gehirns oder des Rückenmarks eine Rolle spielt.

Gestörte Signalübertragung

Das zentrale Nervensystem koordiniert die willkürlichen Bewegungen des Körpers. Liegt hier eine Störung vor, wird die Signalübertragung von den Nerven zur Muskulatur beeinträchtigt. Oft kommen auch unkontrollierbare Muskelzuckungen dazu, welche als Spasmen bezeichnet werden. Es wird zwischen Beuge- und Streckspasmen unterschieden, je nachdem, welche Muskulatur stärker betroffen ist.

Spasmen sind für Paraplegiker und Tetraplegiker anstrengend

Der erhöhte Grundtonus der Muskulatur, sowie die einschiessenden Spasmen können grossen Einfluss auf den Betroffenen und deren Alltag haben. Sie bedeuten für den Patienten ein hohes Mass an Anstrengung, der Körper verbraucht viel Energie. Des Weiteren sind Spasmen für den Patienten häufig sehr schmerzhaft, bergen Verletzungsrisiken und, aufgrund von Reibung und Scherkräften, ein erhöhtes Risiko für Druckgeschwüre.

Unterschiedliche Auslöser für Spasmen

Im Rahmen seiner Rehabilitation lernt der betroffene Paraplegiker oder Tetraplegiker, was der Auslöser für seine Spasmen sein kann - z.B. Berührungen ,Hitze oder Kälte. Aber auch andere Auslöser, wie Fieber, Infekte, Druckgeschwüre, Verstopfung, Blaseninfekte und –überdehnungen oder Frakturen können die Spasmen im gelähmten Bereich deutlich verstärken.

Spasmen als Warnsignal

Im Umkehrschluss kann der betroffene Patient eine plötzliche Änderung des Spastikausmasses als Warnsignal des Körpers verstehen. welchem unterhalb des Lähmungsniveaus einer der o.g. Auslöser zugrunde liegen könnte. Eine plötzliche Veränderung der Spastik sollte also immer mit dem behandelnden Arzt besprochen werden. Neben der Eigenschaft als „Warnsignal“ kann der Patient die Spasmen aber auch gezielt nutzen, um sich z.B. bei Transfers zu stabilisieren, das „Beinhandling“ selbständig zu übernehmen, oder auch beim An-und Auskleiden selbständig zu sein.

 

Kommentare (5)

  • Norbert W. am 05. Aug 2014 um 18:29 sagt:

    Durch Reibung oder Scherkräfte ein vermehrtes Risiko von Druckgeschwüren? Ich bin der Meinung und teile das auch mit meinen Kollegen, dass die Spastik eher einem Druckgeschwür durch die Kontraktion und damit einhergehende Durchblutung vorbeugt.
    Grüße

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    • Karen Janke am 15. Aug 2014 um 18:05 sagt:

      Besonders was die unteren Extremitäten angeht, zeigt unsere Erfahrung, dass durch einschiessende Spasmen und damit einhergehende , unerwünschte Positionsveränderungen (Reibung und Scherkräfte) ein deutlich erhöhtes Dekubitusrisiko besteht.
      Bezüglich der verbesserten Durchblutung durch Kontraktion bei Spastik kann ich nur sagen, dass ich diesen Effekt in der Praxis eher selten erlebe. Sprich: die Gefahr von Hautläsionen bei sehr spastischen Patienten deutlich gegeben sehe.

      Freundliche Grüsse, K. Janke

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  • Norbert K. am 19. Aug 2015 um 19:32 sagt:

    Trotz Querschnittslähmung kann ich mich leidlich gut auf meinen Beinen bewegen. In den vergangenen 5 Jahren seit meinem Unfall wurde das Laufen aufgrund einer zunehmenden Gelenksteife in den Knien aber immer schlechter und unsicherer.
    Diese Steifigkeit wird von Neurologen zunächst immer wegen sehr lebhafter Reflexe als Spastik, nach näheren Untersuchungen dann aber als unerklärliche Tonuserhöhung erklärt (...wenn Spastik, dann überhaupt nur sehr mäßig).

    Meine 2 kurzen Fragen an Sie:
    1. Kann die beschriebene Gelenk- Steifigkeit auch als eine Folge der ständigen Überforderung/Überlastung des unzureichend innervierten Muskels gedeutet werden, wie man es auch häufig bei Sportlern findet?

    2. Was kann man gegen die Gelenk- und Muskelversteifung tun?

    Beste Grüße,

    K.

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  • Bock am 22. Aug 2015 um 19:14 sagt:

    Auch ich als Gehfägige leide seit meiner inkompl. RM-Verletzung (TH6) vor 6 Jahren unter zunehmender Steifigkeit vornehmlich im Kniegelenk. Dieses wurde seitens der Neurologen aufgrund "lebhafter" Reflexe (Kniesehne und Babinsky) als eindeutige Spastik diagnostiziert.
    Von einem Osteopathen hingegen musste ich hören, dass die besagten Reflexe zwar stark, aber gelegentlich auch bei nicht RM-Verletzten, insbesondere Sportlern, auftreten, bei denen sich - insbesondere bei Fehlbelastung - auch Muskelversteifungen, Kraftverlust und Missempfindungen einstellen.
    Seitdem weiss ich nicht mehr, was ich noch machen soll bzw. wie ich den Versteifungsprozess im Knie aufhalten kann.
    Physiotherapeuten führen die Versteifung auf einen erhöhten Muskeltonus in den Hamstrings zurück, der durch Muskeldysbalancen (ich habe ein starkes und ein sehr schwaches Bein) erklärt werden kann (also auch keine Spastik als Ursache hat).
    Insofern fällt es mir schwer, an Spastik zu glauben.
    Ich nehme an, dass man mit lauffähigen RM-Verletzten bzw. Querschnittsgelähmten einfach so gut wie keine Erfahrungen hat, zumal es kaum verfügbare Untersuchungen bzw. Publikationen gibt, wo man so etwas nachlesen kann.
    Also muss die Spastik für alles herhalten, was ein RM-Verletzter an Muskel- und Gelenkbeschwerden hat.

    Meine abschl. Frage ist: Wie kann ich zwischen einer Spastik und einer Muskelversteifung, die auf Fehlhaltungen + Überlastungen unterscheiden?

    Vielen Dank und herzliche Grüße,

    Sylvia Bock

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    • admin am 09. Sep 2015 um 15:24 sagt:

      Liebe Frau Bock,
      ja manchmal kann die Abgrenzung schwierig sein bez Therapeuten/Aerzte haben relative wenig Erfahrung bei Querschnittlähmung. Unsere Physiotherapeuten sind darin sehr geschult und erfahren zu unterscheiden, ob ein Patienten Bewegungsstörung wegen vermehrter Spastik bzw Gelenk/Muskel Veränderungen hat.
      Wenn dieses für Sie weiter wichtig ist, können wir das im ZfP gut abklären.
      Dafür könnten Sie einen Termin in unserer Ambulanz abmachen.

      Mit besten Grüssen,
      Armin Curt

      Chefarzt und Direktor
      Zentrum für Paraplegie

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