Beckenbodenrehabilitation: Kontrolle von Blase und Darm trainieren

Für die meisten Menschen ist der Gang zur Toilette eine Selbstverständlichkeit, über die man sich keine Gedanken macht. Wir können unsere Blase und unseren Darm bei Drang willentlich kontrollieren, haben keine Probleme mit dem Verlust von Urin oder Stuhl und können beide Organe ohne Probleme entleeren.

Autor

Christine Bank war zwei Jahre lang Physiotherapeutin am Zentrum für Paraplegie im Balgrist. Sie hat in diesem Bereich diverse Zusatzausbildungen absolviert und arbeitete in der Neurorehabilitation. Privat ist Christine Bank häufig in ihrem Garten anzutreffen.

Christine Bank
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Für querschnittgelähmte Menschen hingegen gehören Schwierigkeiten beim Entleeren und Kontrollieren von Blase und Darm zum Alltag. Daher ist eine neurourologische Abklärung der Situation unbedingt notwendig. Es gibt viele Massnahmen, welche diese Funktionen unterstützen können - sei es mit Medikamenten, Operationen, Physiotherapie, Kathetern oder indem abgeführt wird.

Minimale Sensibilität für Beckenbodenmuskulatur erforderlich

Eine physiotherapeutische Behandlung verspricht jedoch nur Erfolg, wenn noch eine Restfunktion der Beckenbodenmuskulatur, respektive eine minimale Sensibilität dafür, vorhanden sind. Grundlagen der Physiotherapie sind eine problembezogene Anamnese und eine Funktionsuntersuchung der Beckenbodenmuskulatur. In der Therapie werden verschiedene Komponenten behandelt, wie die korrekten Funktionsabläufe der krankheitsbedingten Veränderungen im Beckenbereich und die Wahrnehmungsschulung der korrekten Anspannung und Entspannung der Beckenbodenmuskulatur. Je nach Patient werden Übungen zur Kräftigung oder zum korrekten Einsatz der Muskulatur im Alltag trainiert oder aber auch Techniken erlernt, um die Beckenbodenmuskulatur wieder zu entspannen. Zudem haben auch das Trinkverhalten und die Ernährung einen Einfluss auf Blase und Darm. Daher versuche ich die Patienten durch Tipps und Instruktionen zu unterstützen.

Unterschiedliche Aufgaben des Beckenbodens

Der Beckenboden erfüllt auf die Blase bezogen zwei Funktionen: Stützen und Verschliessen während der Füllungsphase sowie Entspannen und Ermöglichen der Blasenentleerung während der Entleerungsphase. Nach einer Verletzung im Bereich des Rückenmarkes kann diese Kontrolle gestört oder nicht mehr vorhanden sein. Für manche Patienten kann dies zu unangenehmen Situationen führen, wenn sie ungewollt Urin verlieren oder die Blase nicht entleeren können.

Anamnese und funktionelle Tastuntersuchung

In der ersten Therapie frage ich die Patienten nach ihrem Hauptproblem. Kann der Patient den Urin oder den Stuhl nicht halten oder kann er sich für das Entleeren von Darm oder Blase nicht ausreichend entspannen? Auch ein zu häufiger Harn-oder Stuhldrang kann störend sein. Nach der Befragung folgt die funktionelle Tastuntersuchung des Beckenbodens – bei Frauen vaginal, bei Männern anal. So stelle ich fest, ob die Grundspannung des Beckenbodens zu schwach oder zu stark ist und wie gut der Patient diese steuern kann. Auch dessen Kraft, die Ausdauer und die Fähigkeit wieder zu entspannen werden beurteilt.

Schulung der eigenen Wahrnehmung

Voraussetzung für eine intakte Beckenbodenfunktion ist eine gute Ansteuerung und Koordination der Muskulatur und eine optimale Grundspannung, die weder zu niedrig, noch zu hoch ist. Schon während meinem Tastbefund gebe ich dem Patienten Rückmeldung, ob er seine Muskulatur korrekt aktiviert. Diese Wahrnehmung kann auch mit Hilfe eines sogenannten Biofeedbacks wiedererlernt werden. Mittels einer Vaginal-oder Analsonde werden die Bewegungen des Beckenbodens auf einem Bildschirm in Form von Kurven aufgezeigt.

Biofeedback-Gerät zur Wahrnehmungsschulung des Patienten

Biofeedback-Gerät zur Wahrnehmungsschulung des Patienten

Das Trainierte in den Alltag zu übertragen ist herausfordernd

Ziel meiner Therapie ist, dass die Patienten das Erlernte im Alltag anwenden können. Ich versuche mit ihnen Verhaltensstrategien zu entwickeln, welche für ihre Probleme hilfreich sind. Dazu gehören zum Beispiel Aufschub-Strategien, um bei verstärktem, nicht unterdrückbarem Harndrang die Blase beruhigen zu können. Zudem zeige ich ihnen auf, was sie beim Husten oder einer körperlichen Anstrengung, wie beispielsweise bei einem Transfer, tun können, um keinen Urin zu verlieren. Weiter gebe ich meinen Patienten Ernährungsratschläge zur Regulierung der Stuhlkonsistenz, Hinweise zur optimalen Trinkmenge und kläre sie darüber auf welche Getränke einen Einfluss auf den Harndrang haben.

Weitere Informationen

 

Kommentare (2)

  • Robert Klemps am 24. Feb 2015 um 14:07 sagt:

    Sehr geehrte Frau Bank,

    nach dem Lesen Ihres Textes über das Training der Beckenboden-Muskulatur war ich hocherfreut darüber, dass es offenkundig doch Therapien für Querschnittsgelähmte gibt, die gegen die Harn- und Stuhlinkontinenz helfen können.

    An den QS-Zentren in Deutschland ist leider darüber nichts zu erfahren; man wird sehr schnell an das Katheterisieren gebracht, und das war es dann.

    Meine Frage an Sie:

    Als QS-ler (Th 6, inkomplett, vor 5 Jahren) habe ich bei gefüllter Blase einen sehr starken zunehmenden Harndrang, den ich allermeist nicht "mit dem Kopf", d.h. bewußt, abstellen kann. Also muss ich innerhalb von max. 5 min die Toilette aufsuchen

    Mein 2. Problem ist, dass die abgegebene Harnmenge durch taktiles Reizen der Harnblase ca. 2 x 120 ml beträgt und damit die Blase nicht vollständig entleert werden kann.

    Ich bitte Sie höflichst mir mitzuteilen,

    1. ob ich Ihrer Meinung nach eine Chance habe, durch gezieltes Beckenbodentraining die o.g. Probleme "in den Griff" zu bekommen bzw. zu reduzieren ,

    2. ob die allg. bekannten Trainingsmethoden für Beckenbodengymnastik für mich geeignet sind und - wenn nicht -

    3. wo man ein solches Training in Deutschland bekommen kann.

    Ich bedanke mich im voraus für die Beantwortung meiner Fragen und wünsche Ihnen bei der Behandlung von inkontinenten QS-lern sehr viel Erfolg.

    Mit freundlichen Grüßen

    R. Klemps

    Auf diesen Kommentar antworten
    • Christine Bank am 03. Mar 2015 um 15:21 sagt:

      Hallo Herr Klemps,

      vielen Dank für Ihr Interesse!

      Gerne versuche ich Ihre Fragen folgend zu beantworten:

      1. Grundsätzlich ist es mir nicht möglich eine „Ferndiagnose“ über Ihre Symptomatik zu stellen. Wie bereits erwähnt, ist eine vorhandene Sensibilität und eine gewisse Motorik für den Beckenboden Voraussetzung für eine Therapie.

      2. Es spricht nichts gegen eine spezifische Beckenbodentherapie. Nach einem Erstgespräch und dem Funktionsbefund werden in der Regel gemeinsam mit dem Therapeuten die Therapieoptionen und die zu erwartenden Ergebnisse besprochen. Die Therapie sollte natürlich so gestaltet werden, dass sie an den Patienten und seine Möglichkeiten angepasst ist.

      3. Leider kenne ich mich in Deutschland zu wenig aus und kann Ihnen daher nicht sagen, wo Sie qualifizierte Beckenbodentherapeuten finden, die auch mit neurologischen Patienten Erfahrungen haben.
      Ich kann Ihnen aber das Berufsgenossenschaftliche Unfallkrankenhaus Hamburg empfehlen. Dort arbeiten spezialisierte Therapeutinnen, die Ihnen evtl. weitere Infos über Therapeuten in Deutschland geben könnten. (http://www.buk-hamburg.de/rehabilitation/therapiebereiche/physiotherapie/)

      Ich hoffe, ich konnte Ihnen behilflich sein und wünsche Ihnen viel Erfolg bei der Behandlung!

      Mit freundlichen Grüssen aus der Schweiz
      Christine Bank

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