Botox für die Blase: Wenn ein Lifestyleprodukt zum Lebensretter wird

Nach einer Querschnittlähmung stellt die Blase für Patienten ein zentrales, die Lebensqualität beeinflussendes Organ dar. Viele Betroffene können willentlich nicht mehr urinieren, sind auf einen Katheter angewiesen und leiden gleichzeitig unter Inkontinenz. Die Ursache dafür liegt im beschädigten Rückenmark, da die Blase über das Hirn gesteuert wird.

Autor

Lorenz Leitner hat sein Medizinstudium in Basel und Berlin absolviert. Nach der Basisausbildung in der allgemeinen Chirurgie am Stadtspital Waid in Zürich folgte die Spezialisierung zum Urologen am Universitätsspital Basel und in der Neuro-Urologie am Zentrum für Paraplegie der Universitätsklinik Balgrist. In der Neuro-Urologie konnte er gleichermassen als Assistenzarzt in der Patientenbetreuung und in der Forschung arbeiten und ist seit Herbst 2017 als Oberarzt tätig. Seine Forschungsschwerpunkte liegen dabei auf neurogenen Blasenfunktionsstörungen und Botox-Behandlungen.

Lorenz Leitner
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Sind die Leitungsbahnen zwischen Hirn und Blase gestört, kommt es zu einem Verlust der Willkürkontrolle und die Blase kann sich unkontrolliert zusammenziehen. Der möglich resultierende Urinverlust ist ein frustrierendes Erlebnis.Nebst dem negativen Einfluss auf die Lebensqualität besteht aber eine weitere, vom Patienten primär oft nicht bemerkte Gefahr. Der Kontrollverlust geht meist mit einem Verlust der Koordination von Blase und Schliessmuskel einher. Ziehen sich Blase und Schliessmuskel gleichzeitig zusammen besteht die Gefahr, dass sich ein hoher Druck in der Blase aufbaut, Urin in die Nieren zurückläuft und sich aufstaut. Dies führt langfristig zu einem Verlust der Nierenfunktion. Früher bedeutete ein solcher Nierenstau bei bis zu 50 Prozent der Betroffenen das Todesurteil.

Medikamente helfen, verursachen aber häufig Nebenwirkungen

Mit der Medikamentengruppe der Antimuskarinika, die als Tablette oder in Form eines Pflasters zur Verfügung steht, kann die Blase beruhigt werden. Diese Medikamente wirken zwar oft gut, bei vielen Patienten verursachen sie jedoch Nebenwirkungen: Ein trockener Mund, harter Stuhlgang, Müdigkeit, Sehstörungen, gelegentlich auch Gedächtnisprobleme und Verwirrung gehören dazu. Viele Betroffene setzen die Medikamente daher nach einiger Zeit ab. Für diese Patienten und jene, bei denen die Medikamente nicht gut genug wirken, ist Botox eine geeignete Alternative. Botox ist ein Nervengift, das die Übertragung der Signale vom Nerv auf den Muskel hemmt. Wird es in einen Muskel gespritzt, lähmt es diesen für einen gewissen Zeitraum.

Behandlung dauert 45 Minuten und wird ohne Narkose durchgeführt

Die Behandlung wird minimal invasiv im Rahmen einer Blasenspiegelung durchgeführt. Es bedarf keiner Narkose, ein Krankenhausaufenthalt ist nicht notwendig und eine Blutverdünnung muss in der Regel nicht gestoppt werden. Zwischen Ankunft und Verabschiedung des Patienten liegen meist keine 45 Minuten - der eigentliche Eingriff dauert circa zehn Minuten. Wir führen diese Intervention im Zentrum für Paraplegie der Universitätsklinik Balgrist sehr oft durch – es handelt sich um einen Routineeingriff. Die Patienten werden gelagert und desinfiziert, die Blase wird entleert und örtlich betäubt. Anschliessend erfolgt die Blasenspiegelung. Über das Instrument führen wir eine dünne Nadel ein und spritzen gezielt Botox in den Blasenmuskel. Komplikationen gibt es nur selten und die Patienten sind sehr froh, dass keine Narkose notwendig ist. Es bedarf einzig einer Nachkontrolle mittels Blasendruckmessung, um zu testen, ob die Therapie erfolgreich war. Wir führen den Eingriff ungefähr ab dem 16. Lebensjahr der Patienten durch, bei jüngeren Betroffenen wird die Therapie im Kinderspital vorgenommen. Eine Therapie wirkt zwischen neun und zwölf Monaten und sollte daher ungefähr jährlich wiederholt werden.

Die Nebenwirkung ist die Wirkung

Die häufigste Nebenwirkung ist durch die Wirkung bedingt: Patienten, die vorher selber Wasserlassen konnten, müssen die Blase nach der Behandlung oft mit Hilfe eines Katheters entleeren. Dies liegt daran, dass der Blasenmuskel durch das Botox gelähmt wird und sich nicht mehr kräftig genug zusammenziehen kann, um Wasser zu lösen. Für viele Betroffene überwiegen jedoch die Vorteile, dass sie keinen Urin verlieren und keine Einlagen mehr benötigen, daher nehmen sie das Katheterisieren in Kauf.

Regelmässige Messung des Blasendrucks ist notwendig

Blasendruckmessungen sind für Querschnittgelähmte und viele Patienten mit neurologisch bedingten Blasenfunktionsstörungen, unabhängig ob eine Inkontinenz besteht oder nicht, in regelmässigen Abständen nötig. Wie anfangs erwähnt, kann ein Rückstau von Urin in die Nieren tödlich enden. Wenn kritische Druckwerte in der Blase erreicht werden, ist eine Botox-Behandlung auch ohne weitere Symptome sinnvoll, um den Druck zu senken. Nur weil die Patienten keine Symptome spüren, sollte die Blasendruckmessung nicht ignoriert werden. Sie bietet momentan die einzige Möglichkeit, herauszufinden, ob ein Risiko für die Nieren vorliegt.

Eingriff wird weltweit durchgeführt und verbessert Lebensqualität enorm

Die Botox-Behandlung an der Blase wurde von Prof. Brigitte Schurch im Zentrum für Paraplegie der Universitätsklinik Balgrist erforscht und erstmals beschrieben. Diese Behandlung stellte eine Revolution in der Therapie von Patienten mit einer neurologisch bedingten Blasenfunktionsstörung dar. Prof. Schurch führte die ersten Therapieversuche vor bald 20 Jahren durch. Aus der Schönheitschirurgie war bekannt, dass Botox bei Menschen eingesetzt werden kann, um Muskeln gezielt zu lähmen. Prof. Dykstra veröffentlichte seine Resultate nach dem Einspritzen des Nervengiftes in den Schliessmuskel als Erster. Ziel war es, dass der Urin, wenn sich die Blase zusammenzieht, nicht hoch in die Nieren, sondern durch den gelähmten Schliessmuskel hindurch über die Harnröhre nach draussen gelangt. Der Erfolg war jedoch gering und nur von kurzer Dauer. Daher versuchte Prof. Schurch das Botox direkt in den Blasenmuskel zu injizieren. Das Ergebnis war verblüffend: Das unwillkürliche Zusammenziehen der Blase blieb bei den behandelten Patienten für bis zu zwölf Monaten aus. Die begrenzte Wirkdauer von neun bis zwölf Monaten stellt jedoch nicht nur einen Nachteil dar, sondern hat den Vorteil, dass Patienten testen können, ob ihnen die Botox-Behandlung entspricht. Falls dies nicht der Fall ist, stellt sich nach spätestens einem Jahr wieder der ursprüngliche Zustand ein.

Heute gehört der Eingriff zum Goldstandard, wird weltweit durchgeführt und gibt vielen Patienten enorme Lebensqualität zurück.

Ergebnisse der Langzeitstudie sind sehr erfreulich

Seit 2012 ist die Botox-Behandlung auch von der Food and Drug Administration (FDA) und der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) zur Behandlung von neurologisch bedingten Blasenfunktionsstörungen anerkannt. Diese Anerkennung bedeutet, dass es sich beim Eingriff um eine offizielle Indikation handelt, die mittlerweile auch in der Schweiz von den Krankenkassen bezahlt wird. Für eine solche Anerkennung braucht es jeweils etliche Jahre und Studien. Mittlerweile wird Botox nicht nur bei Patienten mit einer Querschnittlähmung, sondern auch bei anderen Erkrankungen, bei denen sich die Blase unkontrolliert zusammenzieht, verwendet. Dies unabhängig davon, ob eine neurologische Erkrankung vorliegt oder nicht, wie zum Beispiel bei der anderweitig nicht ausreichend behandelbaren Reizblase.

Am Zentrum für Paraplegie der Universitätsklinik Balgrist haben wir über 15 Jahren eine Langzeitstudie durchgeführt. Dabei stellte sich heraus, dass 60 Prozent der Betroffenen mit dem Eingriff sehr zufrieden sind und ihn regelmässig wiederholen. 40 Prozent stoppten die Behandlung: Die Hälfte davon, weil Botox bei ihnen nicht oder nicht mehr die gewünschte Wirkung gezeigt hat, denn leider ist nie garantiert, dass eine Behandlung bei allen Patienten anspricht. Die andere Hälfte fand den Eingriff aufgrund der jährlichen Wiederholungen zu anstrengend und bevorzugte andere Therapien.

Konstante Wirkung auch nach fast 20 Jahren, aber ohne Studien kommen wir nicht weiter

Unsere Langzeitstudie hat jedoch vor allem eines gezeigt: Im Grossen und Ganzen sind die Patienten mit der Therapie zufrieden, sie steigert ihre Lebensqualität mit einer auch nach fast 20 Jahren konstanten Wirkung. Am Beispiel der Botox-Behandlung können wir eindrücklich aufzeigen, wie erfolgreich gute Forschung sein kann. Um unseren Patienten künftig noch besser helfen zu können, ist es wichtig, dass wir laufend alternative Therapieansätze prüfen.

 

Quelle Bildmaterial: Stephan Spitzer, Atelier für Medizinische Illustration, www.spitzer-illustration.com

 

Kommentare (1)

  • Beate Pfeifer am 18. Jul 2018 um 13:53 sagt:

    Sehr interessant, auch für Menschen die nicht selbst in der Medizin tätig sind. Dies klingt tatsächlich nach einer Revolution. Kein Mensch hat es verdient, am Katheter zu leben. Wundervoll, ein hoch auf die Forschung und die Botoxbehandlungen an der Blase.Auf diesen Kommentar antworten

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