Gehen mit Querschnittlähmung – ist das Glas halb voll oder halb leer?

Wie zentral die Fortbewegung auf den eigenen zwei Beinen im Alltag ist, wird erst deutlich, wenn diese Fähigkeit nicht mehr vorhanden ist. Bereits ein halbtätiger Ausflug im Rollstuhl ist für die Querschnittgelähmten mit enorm vielen Herausforderungen und Schwierigkeiten verbunden und dies trotz enormer Fortschritte beim Abbau von Hindernissen im öffentlichen Raum.

Autor

Claudio Bartholet ist Physiotherapeut und seit sieben Jahren an der Universitätsklinik Balgrist tätig. Seine Ausbildung absolvierte er an der Schule für Physiotherapie des Universitätsspitals Zürich. Er ist Teamleiter der Physiotherapieabteilung des Zentrums für Paraplegie.

Claudio Bartholet
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Trottoirkanten, öffentliche Verkehrsmittel, Toiletten in Restaurants, die Höhe des Bancomats – überall gibt es Barrieren, wenn das Stehen und Gehen nicht mehr wie gewohnt möglich ist. Die eigene Unabhängigkeit wird empfindlich eingeschränkt.

Entsprechend liegt es auf der Hand, dass das Wiedererlangen dieser Fähigkeit eines der wichtigsten Ziele nach Eintreten einer Querschnittlähmung darstellt. Mit dem Üben dieser Art der Fortbewegung ist viel Hoffnung und Freude verbunden, oft aber auch grosse Enttäuschung, Wut, Verzweiflung und Resignation.

Das Gehen – eine hochkomplexe Angelegenheit

Das Gehen an sich ist eigentlich nichts anderes als ein fortwährender Balanceakt auf einem Bein. Denn die meiste Zeit des Gehens befinden wir uns auf einem Bein, während das andere nach vorne bewegt wird, um dann das Gewicht erneut zu übernehmen. Dabei stellt die Fusssohle die einzige Verbindung mit einem festen Gegenstand – dem Boden – dar. Alles was sich darüber befindet, muss durch den Körper im Gleichgewicht gehalten werden. Die Füsse und Beine müssen sich dabei so bewegen, dass der darüber liegende Körper unter Kontrolle bleibt.

Unser Bewegungsapparat funktioniert eigentlich wie eine Marionette: Das Skelett bildet ein festes Gerüst mit Gelenken an geeigneten Stellen, so dass der Körper beweglich ist. Dieses Gerüst würde aber bei den Gelenken hilflos zusammenklappen, wenn wir keine Muskeln hätten. Sie sind mit dem Skelett verbunden und bewegen und stabilisieren die Gelenke. Im Unterschied zur Marionette haben wir aber buchstäblich die Fäden selbst in der Hand, sofern unser Körper richtig funktioniert.

Da beim Gehen sämtliche Gelenke, die sich oberhalb der Fusssohle befinden, kontrolliert werden sollen, müssen wir ein ganzes Orchester an Muskeln dirigieren – und das innerhalb kürzester Zeit. Bei einer durchschnittlichen Gehgeschwindigkeit brauchen wir für zwei Schritte links und rechts circa eine Sekunde. In dieser Zeit passiert eine ganze Menge. Die Beine müssen einerseits immer so bewegt werden, dass die Füsse am richtigen Ort zu stehen kommen. Andererseits müssen wir dabei auch noch das Körpergewicht so lenken, dass es sich immer über demjenigen Fuss befindet, der gerade auf dem Boden steht – ein ständiger Wechsel also. Wenn der Boden dazu noch uneben oder rutschig ist oder High Heels getragen werden, macht es das Gehen noch komplexer.

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Die Kakofonie – wenn Bewegungen nicht mehr richtig ausgeführt werden können

Was nun, wenn das Muskel-Orchester nicht mehr nach der ersten Geige spielt? Die Bewegungen, welche es zum Gehen braucht, können nicht mehr richtig ausgeführt werden. Unser Körper hat mehr Mühe, die Füsse so zu platzieren, dass wir im Gleichgewicht bleiben und uns fortbewegen können oder es fehlt schlicht die Kraft, die erforderlichen Bewegungen auszuführen und das Skelett zu stabilisieren. Bis zu einem gewissen Grad können diese Beeinträchtigungen kompensiert werden, indem wir beispielswese die Bewegungen mit den Augen genauer kontrollieren und Hilfsmittel verwenden. Irgendwann können aber die Anforderungen, die das Gehen an den Körper stellt, nicht mehr erfüllt werden und eine zumindest teilweise Fortbewegung im Rollstuhl ist unumgänglich.

Rollator oder Rollstuhl – jeder Querschnittgelähmte wählt seine optimale Lösung

Leider können wir nicht sagen, wann das Gehen wieder so gut möglich sein wird, dass es im Alltag von Nutzen ist. Schon ein paar Schritte an einem Rollator können für die Selbständigkeit im Alltag enorm wertvoll sein. Für Querschnittgelähmte, die beispielsweise in ihrem Zuhause damit ins Badezimmer gelangen können, wo es für einen Rollstuhl zu eng sein würde, ist das Glas halb voll. Auf der anderen Seite kann es aber sein, dass das Gehen zwar möglich, aber so mühsam ist, dass die Patienten lieber darauf verzichten und sich auf viel effizientere Weise im Rollstuhl fortbewegen. Für sie ist das Glas in Bezug auf das Gehen halb leer.

Auch die eigene Lebensgeschichte, die Umgebung und die Lebensumstände spielen eine grosse Rolle. Beispielsweise sind viele Menschen, welche eine Kinderlähmung erlitten haben, mit Hilfe von Beinschienen und Krücken als Fussgänger unterwegs und dies funktioniert oft erstaunlich effizient. Sie sind sich von Kindesalter an nichts anderes gewohnt und ihr Körper hat sich früh an die Umstände angepasst. Betroffene, welche hingegen später in ihrem Leben eine Querschnittlähmung erleiden und etwa ähnliche Voraussetzungen hätten, wählen vielleicht lieber eine Mobilität im Rollstuhl.

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