Medizinische Trainingstherapie für Querschnittgelähmte

Im Zentrum für Paraplegie Balgrist führen wir mit den Querschnittgelähmten eine Medizinische Trainingstherapie (MTT) in Form eines Krafttrainings in der Gruppe durch. Wir sind ein fünfköpfiges Team, das die Patienten dabei fachmännisch betreut. In der Regel besuchen die Patienten das Training ein- bis zweimal pro Woche.

Autor

Tanja Herzog arbeitet seit 2011 als Diplomierte Physiotherapeutin Msc im Zentrum für Paraplegie Balgrist. Erfahrungen im Bereich der medizinischen Trainingstherapie sammelte sie im Master für Sportphysiotherapie sowie in ihrer sportlichen Vergangenheit als Leichtathletin.

    –     Stephanie Mrugalla schloss ihre Ausbildung zur Sportphysiotherapeutin im Jahr 2011 ab. Seit November 2015 ist sie im Zentrum für Paraplegie Balgrist angestellt und hat seit April 2016 die Fachverantwortung der medizinischen Trainingstherapie übernommen.

Tanja Herzog – Stephanie Mrugalla
Zurück zur Übersicht

Nach einer freundlichen Begrüssung beginnt das Aufwärmen. Es wird gekurbelt und getreten bis die ersten Schweisstropfen fliessen. Danach geht es an die Kraftgeräte und jeder verfolgt sein individuelles Programm. Es wird viel trainiert, aber während des Trainings darf auch ein kurzer Schwatz nicht fehlen. Die Stunde vergeht sehr schnell, die Muskeln werden langsam müde, doch das gute Gefühl bleibt bestehen. Teilweise treffen sich die Patienten nach der Medizinischen Trainingstherapie zu einem gemütlichen Ausklang in der Cafeteria und verabschieden sich bis zur nächsten Woche.

Weshalb müssen Rollstuhlfahrer Krafttraining absolvieren?

Rollstuhlfahrer belasten ihre Arme im Alltag sehr stark. Ein komplett gelähmter Para- bzw. Tetraplegiker muss für jede Aktivität – sei es eine Positionsveränderungen im Rollstuhl, der Transfer vom Rollstuhl ins Bett oder auch, um von A nach B zu gelangen - seine Arme einsetzen. Dies erfordert eine gute Stützkraft. Da die Arme bei Rollstuhlfahrern im Vergleich zu Fussgängern einer viel höheren Belastung ausgesetzt sind, ist das Krafttraining vor allem für die Schultermuskulatur enorm wichtig.

Ein Patient hat sich wie folgt geäussert: „Schulterschmerzen sind mein täglicher Begleiter. Solange ich zweimal wöchentlich Krafttraining absolvieren kann, sind diese erträglich und ich kann ohne Schmerzmittel leben.“

Ein gutes Muskelkorsett schützt die Gelenke und beugt Fehlbelastungen sowie Schulterbeschwerden vor. Bei bereits bestehenden Schmerzen im Nacken-Schulter-Bereich können Krafttraining und spezifische Übungen diese Schmerzen positiv beeinflussen und ein muskuläres Gleichgewicht erreicht werden.

Bei Patienten mit teilweise vorhandener Kraft in den Beinen (inkomplette Querschnittgelähmte) ist es zudem wichtig, die Beine und den Rumpf ins Krafttraining mit ein zu beziehen. Durch den Einsatz der Beine im Alltag werden die Transfers vereinfacht und die Arme dadurch entlastet.

Fotos-060

Medizinische Trainingstherapie versus Krafttraining im Fitnesscenter

In der Medizinischen Trainingstherapie ist es uns wichtig, jedem Rollstuhlfahrer ein persönliches Trainingsprogramm zusammenzustellen. Gemeinsam mit dem Patienten besprechen wir Therapeuten die Ziele, welche mit dem Krafttraining erreicht werden sollen. In regelmässigen Abständen werden die Ziele und das Programm neu überarbeitet.

Die Trainingsprinzipien unterscheiden sich in der Medizinischen Trainingstherapie nicht von dem konventionellen Krafttraining in einem Fitnesscenter.

Der Unterschied zu den Programmen in einem regulären Fitnesscenter liegt in der Betreuungsintensität. Während den Trainings ist ein erfahrener Therapeut für eine Kleingruppe zuständig. Wir geben Unterstützung beim Einstellen der Geräte, wenn sich die Halterungen ausserhalb der Reichweite des Rollstuhlfahrers befinden. Zudem unterstützen wir die Patienten beim Transfer vom Rollstuhl auf das Trainingsgerät. Durch unsere tägliche Arbeit kennen wir die nötigen Handgriffe genauestens und können so die optimale Hilfe anbieten. Wir Therapeuten korrigieren Haltung und Bewegung und bieten Steigerungsvorschläge, wenn die Übungen zu einfach geworden sind. Dabei wird die Selbständigkeit des Patienten soweit als möglich gefördert.

„Ich bin froh, dass ich in dieser Stunde mittels Barren aufstehen kann, um ein paar Übungen im Stand zu machen. Das hilft für meine Motivation, weiterhin zu trainieren“, berichtet ein Querschnittgelähmter.

Nicht jeder Rollstuhlfahrer ist in der Lage alle Fitnessgeräte selbständig zu bedienen. So sind sie auf unsere Hilfe und spezielle Anpassungen angewiesen. Ein Tetraplegiker, der seine Hand nicht zum Greifen einsetzen kann, benötigt beispielsweise spezielle Handschuhe (Tetrahandschuhe), mit welchem die Hand am Haltegriff des jeweiligen Gerätes befestigt werden kann. Dies ermöglicht dem Patienten, seine vorhandene Kraft in der Schultergürtel- und Schultermuskulatur zu trainieren. Weitere Hilfsmittel stellen zum Beispiel Bauchgurte dar, welche bei verminderter Stabilität des Oberkörpers im Sitzen zur Fixation des Patienten im Rollstuhl dienen können. Zudem sind die Platzverhältnisse grosszügig, sodass die meisten Trainingsgeräte direkt mit dem Rollstuhl angefahren werden können.

Die Therapie kommt bei den Patienten sehr gut an, wie dieses Beispiel zeigt:

„Das erste Mal hatte ich eine Stunde Zeit mit einer Therapeutin. Ich konnte meine Anliegen und Ziele mitteilen, was mir sehr wichtig war. Die Übungen hat sie extra für mich zusammengestellt. Ich kann mit meinen Händen nicht richtig greifen. Es ist so cool, dass ich mit kleinen Hilfmitteln - z.B. einem Tetrahandschuh - “ die gleichen Übungen machen kann wie mein Bodybuilder-Kollege.“

Der soziale Aspekt

Viele Patienten berichten uns, dass für sie im MTT der soziale Kontakt mit anderen Betroffenen eine grosse Rolle spielt. Sie können sich gegenseitig austauschen und motivieren. Dabei kommt der schwarze Humor oft nicht zu kurz. Es tut bestimmt gut, andere Personen mit ähnlichen Schicksalen in regelmässigen Abständen zu sehen. Wir Therapeuten sind oft beeindruckt, wie positiv unsere Patienten eingestellt sind, trotz Einschränkungen, mit denen sie tagtäglich konfrontiert sind. Da sich einige Patienten bereits von ihrer Erstrehabilitation kennen, sind Freundschaften entstanden, welche sie nach dem Training in der Cafeteria weiter pflegen. Nicht selten sitzen die Querschnittgelähmten noch am späteren Nachmittag in einer unterhaltsamen Runde beisammen und nutzen die Gelegenheit sich mit Gleichbetroffenen auszutauschen und sich Insider Tipps über die Tücken des Alltags zu holen.

Aber es gibt ihnen auch die Möglichkeit für eine gewisse Zeit ihr Handicap zu vergessen, wie die folgende Aussage eines Patienten beweist: „Der Austausch mit anderen Betroffenen ist mir sehr wichtig. Sie können meine Fragen nachvollziehen und mir wertvolle Hinweise zur Erleichterung im Alltag geben. Zudem können wir mal Witze über die Fussgänger machen.“

 

Kommentare (1)

  • Schwitter Marlise am 01. Oct 2017 um 22:02 sagt:

    Nächsten Sonntag, 8. Oktober 2017 von 10.00 - 16.00 h findet
    Tag der offenen Türe in der Curlinghalle, Rapperswilerstrasse, Wetzikon, statt.

    Eingeladen sind alle RollstuhlfahrerInnen die Lust haben,
    einen neuen Sport kennen zu lernen.
    Darf ich Ihnen unseren Flyer für diesen Tag schicken? Wenn ja, an welche E-Mail-adresse

    Auf diesen Kommentar antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Ein neuartiger Seilroboter hilft Menschen mit inkompletter Querschnittlähmung beim wiedererlernen des Gehens. Der sogenannte «FLOAT» wurde seit der Lancierung vor sieben Jahren weiterentwickelt. Nun ist er als kommerzielles Therapiegerät erhältlich.

zum Artikel

Die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Ärzteschaft und Physiotherapie, das Verständnis für Forschungsthemen und komplexe Pflegeaufgaben: von Pflegefachpersonen werden spezifische Kompetenzen gefordert.

zum Artikel
Rollstuhl-Curling im Zentrum für Paraplegie

Jeux Intercentres 2018

Einen Tag lang Spiel und Spass für Menschen mit eingeschränkter Beweglichkeit: Das waren die diesjährigen Jeux Intercentres im Balgrist. Die Teilnehmenden bekamen Einblick in ein vielseitiges Sportangebot und absolvierten verschiedene Workshops und einen Parcours.

zum Artikel