Querschnittlähmung: so schnell wie möglich zurück an die Arbeit

Die Handelszeitung hat darüber berichtet: nirgends auf der Welt werden Menschen mit einer Querschnittlähmung so erfolgreich wieder in die Arbeitswelt integriert wie in der Schweiz. Weshalb?

Autor

Daniel Stirnimann ist klinischer Psychologe und Psychotherapeut. Seine Ausbildung absolvierte er an der Universität Zürich und Pantéon Sorbonne in Paris. Er ist seit 27 Jahren an der Universitätsklinik Balgrist tätig und leitet die Abteilung Beratende Dienste.

Daniel Stirnimann
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Der primäre Grund für die hohe Wiedereingliederungsrate von 63 % ist nicht nur, wie Viele wohl vermuten, die geringe Arbeitslosenrate in der Schweiz. Sondern vielmehr der hierzulande gelebte Grundsatz: Eingliederung vor Rente. Unterstützend wirkt die KMU-Struktur der Schweiz. Kleine Unternehmen sind näher an ihren Mitarbeitenden dran und setzen sich – nach einer Krankheit oder einem Unfall – oft mehr für diese ein als grosse, umsatzgetriebene Firmen. Am Zentrum für Paraplegie Balgrist evaluieren wir die Möglichkeiten einer beruflichen Wiedereingliederung für jeden Patienten.

Je schneller desto besser

Unsere Erfahrung zeigt: je früher wir die Wiedereingliederung in die Arbeitswelt an die Hand nehmen, desto höher stehen die Erfolgschancen. Zuerst geht es darum, einen Arbeitsplatz nicht zu verlieren. Deshalb müssen die Arbeitgeber früh an Bord geholt werden. Er wird über die Fakten informiert und erhält eine zeitliche Perspektive. Waren die Arbeitgeber mit den Angestellten zufrieden, zeigen sie oft ein grosses Engagement bezüglich behinderungsbedingter Erfordernisse. Kann die vorgängige Arbeit aus einem Grund nicht mehr ausgeführt werden, z.B. weil funktionell nicht möglich, schaffen sie einen neuen Aufgabenbereich. Dies müssen die Arbeitgeber jedoch so früh wie möglich planen können.

Auf das Gesundwerden konzentrieren – aber auch an die «Welt danach» denken

Wir verstehen natürlich, dass sich die frisch querschnittgelähmten Menschen in erster Linie auf das Gesundwerden konzentrieren möchten. Dennoch motivieren wir sie sich möglichst rasch mit der Rückkehr in den Arbeitsalltag zu befassen. Es kommt schon mal vor, dass die Angehörigen der Betroffenen unser forderndes Handeln als Zumutung empfinden. Aber wir sind überzeugt: wer einem Querschnittgelähmten etwas zumutet, traut ihm auch etwas zu. Dieser Glaube an die Betroffenen ist wichtig für deren Selbstbewusstsein. Denn die berufliche Tätigkeit gibt uns Menschen Halt und Struktur im Alltag. Querschnittgelähmte Menschen, die arbeiten können, werden schneller wieder fit und weisen weniger Komplikationen auf.

Immer wieder erfolgreich

Die Handelszeitung nimmt das erfolgreiche Beispiel von Pedro da Silva, einem ehemaligen Bauarbeiter und Patienten des Zentrums für Paraplegie Balgrist, auf. Dieser bekam nach dem Sturz vom Baugerüst die Chance, zum Konditor umgeschult zu werden und so seinen ursprünglichen Traumberuf auszuüben. Solche Fälle motivieren uns, mit den Betroffenen auch nach scheinbar unmöglichen Optionen zu suchen, um ihnen einen Wiedereinstieg ins Berufsleben zu ermöglichen. Dies verlangt ein gemeinsames, kreatives und zugleich hartnäckiges Suchen. Aber wir sind immer wieder erfolgreich, wie das beschriebene Beispiel zeigt.

Jeden möglichen Kanal prüfen und nutzen

Um eine möglichst rasche Wiedereingliederung zu erreichen, arbeiten wir im interdisziplinären Team alle erdenklichen Möglichkeiten aus und prüfen, ob diese realistisch sind. Am Tisch sitzen Ärzte, Therapeuten, Psychologen, Berufsberater, Berufstrainer und Sozialarbeiter. Je nach Fall finden wir Lösungen mit der Invalidenversicherung oder anderen Versicherern (Unfallversicherung, Taggeldversicherung). Die Versicherungen nehmen unterschiedliche Funktionen wahr und verfügen entsprechend über verschiedene Möglichkeiten. Eine Vollzeitbeschäftigung ist in der Regel nicht möglich. Da die Betroffenen zuerst lernen müssen, mit ihrer Behinderung im Alltag zurecht zu kommen, beginnt der berufliche Einstieg oft über eine längere Einarbeitungsphase. Es gilt das jeweils individuell richtige Mass betreffend Zeitpunkt und Höhe des Pensums für den Wiedereinstieg zu finden.

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